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Evangelischer Lehrer- und Erzieherverband Sachsens

Evangelisch * Sächsisch * Bildung * Schule * Religionspädagogik

 
gegründet 1990, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erzieher in Deutschland e. V. (AEED)
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Thierse verteidigt Religionsunterricht

Der Vizepräsident des Bundestages, Wolfgang Thierse, hat vor einem Alleinvertretungsanspruch des Staates bei der Wertevermittlung gewarnt.
Wenn der Staat wie in Berlin das Fach Ethik in Schulen obligatorisch mache und keinen Religionsunterricht als Alternative anbiete, dann mache er sich dadurch zum obersten Wertevermittler, erklärte der SPD-Politiker in Berlin. "Das erinnert mich an die DDR, und das wollte ich nie wieder haben."
2008-1
1


Für eine Stärkung der Religionspädagogik

Der "Arbeitskreis für Religionspädagogik e.V." (AfR) hat auf seiner diesjährigen Mitgliederversammlung in Erfurt Prof. Dr. Michael Wermke von der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Vorsitzenden des vierköpfigen Vorstands gewählt.
Wermke löst damit Prof. Dr. Andrea Schulte von der Universität Erfurt nach mehrjähriger
Tätigkeit in dieser Funktion ab. "Die Umstrukturierung in der Lehrerbildung im Zuge des Bologna-Prozesses, der Ausbau der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kirchen und die Stärkung des Religionsunterrichtes in den Bundesländern sind wichtige Ziele, die ich in den kommenden zwei Jahren anpacken möchte," berichtet der Jenaer Religionspädagoge.

Der "Arbeitskreis für Religionspädagogik e. V." ist der Fachverband der in der Lehre und Forschung tätigen evangelischen Religionspädagogen und Theologen an Hochschulen und Instituten innerhalb und außerhalb des deutschsprachigen Raums. Der AfR wurde 1948 von den namhaften Religionspädagogen Oskar Hammelsbeck, Martin Stallmann und Hans Stock mit dem Ziel gegründet, nach den Folgen des Zweiten Weltkriegs das Verhältnis von Glaube und Erziehung neu und kritisch zu diskutieren. Seitdem trifft sich der Verband regelmäßig zu
Jahrestagungen, um aktuelle Themen religiöser Bildung und Erziehung in Forschung und Lehre zu erörtern. Derzeit gehören dem Verband über 230 Mitglieder an.

2008-11


Evangelischer Religionsunterricht – Argumente für das kleine Fach der großen Fragen oder warum Religionsunterricht für junge Menschen eine gute Sache ist

Soll unser Kind am Religionsunterricht teilnehmen? Für Eltern ist dies immer seltener eine
Frage der Konvention und immer häufiger eine Frage der bewussten Entscheidung. Sie
ist Ausdruck des Grundrechts auf religiöse Freiheit (Art. 4 Grundgesetz). Eigene
Erfahrungen, Eindrücke und Bilder von Christentum und Kirche werden wach und auf ihre
Gültigkeit befragt. Vielfach werden Zweifel laut, ob der Religionsunterricht für das eigene
Kind das Richtige sei:
• "Religionsunterricht ist doch Kirche in der Schule. Unser Kind soll nicht einseitig von kirchlichen Lehren beeinflusst werden."
• "Religion ist ein unmodernes Überbleibsel unserer Geschichte. Aufgeklärte junge Menschen brauchen sie nicht mehr."
• "Wir sind auch ohne Kirche und Religion anständige Menschen geworden."
• "Was hat Religion zu bieten, was unser Kind nicht auch in Fach Ethik haben kann?"
• "Unterrichtsstunden sind kostbar. Es gibt wichtigere Dinge als Religion für eine gute Schulausbildung."

1. Religionsunterricht gehört zum Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule
Der Religionsunterricht bezieht sich wie alle anderen Fächer auf den Bildungs- und
Erziehungsauftrag der Schule. Darin werden Werte vorgegeben, an denen Unterricht und
Erziehung in allen Fächern auszurichten sind: z.B. Achtung vor dem Menschen, Toleranz,
Eintreten für das Lebensrecht aller Menschen.
Dabei hat der Religionsunterricht die Aufgabe, die religiöse Dimension zu thematisieren
und den Heranwachsenden zur kritischen Teilnahme an der kulturellen Entwicklung zu
befähigen. Im bestehenden Bildungssystem ist er der Ort, wo
a) Aussagen religiöser Traditionen im Hinblick auf grundsätzliche Fragen menschlicher
Existenz erschlossen werden,
b) dem Heranwachsenden Hilfen zum Verständnis religiöser Orientierun gen und
Traditionen, die die Gegenwart bestimmen, gegeben werden,
c) kritische Distanz gegenüber den unterschiedlichen Formen des Missbrauchs von
Religion gefordert ist und
d) Dialogfähigkeit vermittelt wird.

2. Aufgabe des Religionsunterrichts ist nicht die Vermittlung von Glauben, aber der
Glaube ist sein Bezugspunkt
Der Religionsunterricht unterstützt und begleitet Kinder und Jugendliche. Durch
Vermittlung von Sachkenntnis, authentische Begegnung mit der christlichen Tradition und
im Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen können Kinder und Jugendliche
selbst herausfinden, wer sie sein und was sie glauben wollen. "Bildung" beinhaltet, sich
ein eigenes Bild machen zu können. Diese Aufgabe stellt den Religionsunterricht vor ein
sachbedingtes Dilemma. Religion hat eine Außenseite und eine Innenseite. Die
äußerliche, objektive Seite bilden Heilige Schriften, Festkalender, Räume, Riten, Symbole und Traditionen, die sich besehen, beschreiben, vergleichen und beurteilen lassen. Die Innenseite von Religion kann nur Gestalt annehmen in leibhaftigen, konkreten Personenund lebendigen Religionsgemeinschaften.
Unterricht, der nur die Außenseite wahrnimmt, erschließt Religion gleichsam aus der
Vogelperspektive und läuft Gefahr, sie als leblose, museal zu besichtigende
Versteinerung in den Blick zu nehmen. Gelebter Religion dagegen kann man nicht
teilnahmslos begegnen. Auf Personen muss man sich einlassen, denn beim Glauben ist
wesentlich "Commitment" im Spiel, das, dem man vertraut und auf das man sich verlässt.
Für das "eigene Bild" über das religiöse Bekenntnis und Zeugnis gibt es keinen
Standpunkt außerhalb, sondern nur Beteiligte. Bestimmtheit und Standpunkt stehen
Distanz und Kritik nicht entgegen, sondern sind deren Voraussetzung. "Religion kann man nicht nur, man muss sie lehren, Glauben dagegen kann man lernen, prüfen, sich bewusst machen, sich und anderen bestätigen, bekennen, vorleben, austragen, und von alledem muss man nichts tun.

Das erste steht auch Institutionen zu, das zweite nur Personen" (H.
v. Hentig). Die Erschließung von Religion im Religionsunterricht kann um der "Sache"
willen auf die Binnenperspektive nicht verzichten und darf zugleich die Grenze zur
Vereinnahmung nicht überschreiten.

3. Religionsunterricht vermittelt wichtige Kompetenzen
Der Religionsunterricht nimmt im Erfahrungshorizont der Schülerinnen und Schüler die Frage nach dem Sinn des Lebens auf, thematisiert Beispiele gelebter und überlieferter Religion und stärkt damit wichtige Kompetenzen.
Religiöse Kompetenz realisiert sich im Blick auf den Einzelnen in vier Feldern, die seit
langem in Untersuchungen über Bildung eine Rolle spielen. (1)
a) Lebensgeschichtliche Kompetenz / individuelle Sozialisation:
Entwicklungspsychologisch gesehen fundiert und unterstützt der Religionsunterricht in
besonderem Maß die Verstärkung von Urvertrauen und die kritische Aneignung eines
religiösen Selbstbezuges, so dass Heranwachsende ihre Identität in dieser Richtung ausbilden können. Durch die Begegnung mit der Bewusstheit eines reflektierten Glaubens können sie in entscheidendem Maße fähig werden, zu sich selbst zu stehen und ein lebensgeschichtlich verankertes, verantwortungsfähiges Selbst zu entwickeln.
b) Kulturelle Kompetenz / kulturelle Überlieferung:
Das kritisch verarbeitete Wissen um religiös-kulturelle Traditionen und Zusammenhänge
fördert die Fähigkeit, die geschichtliche Herkunft der eigenen Prägung zu verstehen,
religiöse Vorgänge und Phänomene zu deuten, zu reflektieren und weiterzudenken. Diese kulturelle religiöse Kompetenz kann sich in der Auseinandersetzung mit und bei der
Integration von fremden Religionen und Kulturen bewähren. Sie ist ohne Bereitschaft zur Bestimmung des eigenen religiösen Standortes kaum denkbar, weil Verstehen von
Fremdem immer auch auf einem reflektierenden Verstehen des Eigenen basiert.
c) Ethisch verantwortliches Handeln in der Gesellschaft:
Glaube und Religion gehören zu den grundlegenden Motivationen für die Übernahme von Verantwortung und für die Bereitschaft zur humanen Gestaltung von Gemeinschaft.
Anders als in einem neutral zu haltenden Ethikunterricht werden ethische Motivationen
nicht nur besichtigt und von außen reflektiert, sondern begründet, der Intention nach vom
Einzelnen für sich selbst übernommen, miteinander geteilt, verstärkt und trotzdem
zugleich dem kritisch ausgebildeten geschichtlichen Bewusstsein einer 2000-jährigen Christentumsgeschichte ausgesetzt, das die Aufklärung als einen Teil ihrer selbst
verstehen kann.
d) Fähigkeit zur Teilhabe an religiöser Praxis:
Die religionssoziologisch erfassbaren Entwicklungen machen darauf aufmerksam, dass es noch eine vierte Dimension religiöser Kompetenz gibt, die lange unbeachtet blieb oder unterschätzt wurde: die Fähigkeit, sich selbst im expressiven Sinn religiös zu verhalten.
An sich hat die Erschließung von aktiver religiöser Praxis ihren Ort in der Familie und
Gemeinde. Da der religiöse Sozialisationsabbruch in Europa hier ein starkes Defizit hinterlassen hat, gehört es zu den Chancen und Verpflichtungen des Religionsunterrichts, die ihn von anderen Fächern wesentlich unterscheiden, den Zugang zu einem verstehenden Ausprobieren und Weiterbilden religiöser Riten und Vollzüge zu eröffnen.
Dieser Zugang konkretisiert sich u.a. in Schulgottesdiensten, in der Fähigkeit zum Gebet.
Er ist vergleichbar damit, Sport zu treiben, Musik zu machen, künstlerisch kreativ sein zu
können. Im Sinn der Ganzheitlichkeit muss das Fach Religion auch "lehren", religiöse
Praxis anzubahnen und Erfahrung zu ermöglichen. Dabei brauchen die Grenzen
zwischen verschiedenen Religionen und Konfessionen nicht abgeriegelt zu werden,
sondern können sich bei klarer konfessioneller Identität gerade für Formen gemeinsamer
Praxis öffnen. Es wäre fatal, wenn der Bereich des Kultischen, der die Menschheit von
Anfang an begleitet, in der Schule ausgeschlossen bliebe und einer kritischen Erprobung nicht mehr zugänglich gemacht würde. Sorgfältig sind dabei die Grenzen der
Einflussnahme zu beachten, damit die Freiheit des Einzelnen gewahrt bleibt.

4. Ohne Kenntnis und Erinnerung des jüdisch-christlichen Erbes unserer Geschichte
bleibt jungen Menschen ihre eigene Lebenswelt und eine Quelle der Hoffnung
fremd, denn Zukunft braucht Herkunft
Religiöse Traditionen in den konfessionellen Ausprägungen des Christentums haben
unsere Geschichte und Kultur nachhaltig geprägt. Sie wirken fort in unseren Vorstellungen
von Individuum und Gemeinschaft, Frau und Mann, Zeit und Entwicklung, beeinflussen
Moral und Recht, Sprache, Literatur, Kunst und Musik. Die Kenntnis und kritische
Auseinandersetzung mit dem religiös-geschichtlichen Erbe ist ein unverzichtbarer
Bestandteil schulischer Bildung. Der Religionsunterricht ist ein privilegierter Ort für das kulturelle Gedächtnis; denn Erinnerung ist mehr als Wissen und Andenken von
Vergangenheit. Sie öffnet die Sicht auf das Unerfüllte, auf Leid und Hoffnung und befreit
aus dem Wiederholungszwang und falschen Bindungen. "An der Rettung eines kulturellen
Gedächtnisses, geleitet vom Eingedenken fremden Leids, hängt die Zukunft der
europäischen Moderne ebenso wie die Anerkennung der Würde fremder Kulturwelten.
Und die Zukunft aller Moral" (J. B. Metz).

5. In Religion geht es ums Ganze: Wo ist mein Platz in dieser Welt?
Religionsunterricht gehört in die Schule; denn Schule braucht einen Ort der Selbst- und
Weltverständigung. "Woher kommt das alles: der Kosmos, das Leben, das Bewusstsein?
- Wozu ist das alles da? Wo führt das alles hin? - Warum bin ich? - Warum bin ich ich? -
Worauf kann ich mich verlassen? - Muss, darf, kann ich Schuld vergeben?" (H. v. Hentig).
Fragen nach "mir selbst, nach Gerechtigkeit und dem Ganzen" (F. Schweitzer), Fragen
nach dem, wie der Mensch angesichts von Friedlosigkeit und Unrecht als Teil der
Schöpfung gemeint ist, halten die Gottesfrage wach: Wir verdanken uns nicht uns selbst
und empfinden tiefer als frühere Generationen die Grenzen und Gefährdungen, das
Leben "in den Griff" zu bekommen und heil zu machen. Die religiöse Suche nach dem
Ursprung, der Mitte und dem Sinn menschlicher Existenz hat alle Kulturen der
Menschheitsgeschichte bewegt. Sie beschäftigt Kinder und Jugendliche lebhafter als zuvor. Vorgestanzte Antworten überzeugen sie nicht, "schlüsselfertige Sinngebäude" (K.
Gabriel) sind ihnen verschlossen.
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Der Religionsunterricht hat das Ziel, Kinder und Jugendliche bei der Frage nach Gut und
Böse, Glück und Leid, Welt und Gott nicht allein zu lassen. Sie brauchen Zeit und Raum
der Orientierung und Selbstvergewisserung. Im christlichen Verständnis schließt die
Frage nach Gott und seinem Willen die Frage ein, wo und wer Gott nicht ist und was und
wer seinem Willen nicht entspricht, seien es ideologische oder materielle
Erlösungsverheißungen. Der Rückbezug auf das biblische Gottesbild hält an zur
Unterscheidung zwischen Gott und Göttern. Wer den biblischen "Gott nennt,... muss nicht
vollständiger Macher des Lebens sein..., nicht immer stark, gesund, unfehlbar..., kann
auch schwach, berührbar und gebrochen sein... Er ist fähig, darauf zu verzichten, das
Leben herbeizuzwingen. Das ist die Voraussetzung einer tiefen inneren Gewaltlosigkeit"
(F. Steffensky).

6. Religionsunterricht bedeutet Alphabetisierung in der Sprache der Religion - damit Staunen und Dank, Freude und Klage nicht im Halse stecken bleiben
Kinder und Jugendliche erlernen verschiedene Wege, sich das Leben und die Welt zu
erschließen: den mathematisch-naturwissenschaftlichen Weg, den Weg über das Verstehen geschichtlicher und sozialer Zusammenhänge, den Weg der Deutung von
Literatur und Kunst. Religion hat ihr eigentümliche Sprachformen der Welt- und
Lebensdeutung hervorgebracht, die keiner anderen Welt oder religiösen Sonderwelt
zugehören, wohl aber versprechen, mit dieser Welt anders umzugehen. Die Kraft
religiöser Sprache des Trostes, des Widerstandes und der Hoffnung erweist sich gerade dort, wo die Sprache des Arguments und der Logik verstummen: Ursprungs- und
Endgeschichten, prophetisches Reden und Gebetssprache, die Sprache der Bilder und
Symbole, eine reichhaltige liturgische Zeichenwelt von Fest, Feier und Ritual. Die Schule hat in jüngerer Zeit begonnen, die fundamentale Bedeutung zeitlicher Rhythmen,
einfacher Rituale und symbolischer Handlungen für das Lernen und die Schulkultur wieder zu entdecken.

7. Religionsunterricht ist auszugestalten in Bezug auf die in der Gesellschaft
vorhandenen Religionsgemeinschaften
Vielfalt in der religiösen Bildung ist besser als Einfalt. Die Vielfalt in der religiösen Bildung
ist ein Zeichen der Vielfältigkeit der persönlichen religiösen Bindung. Religiöse Bildung beinhaltet immer eine persönliche Dimension. Der Religionsunterricht bietet die
Möglichkeit zur kontinuierlichen Begegnung mit authentischen Vertretern von Religionen.
Im christlichen Religionsunterricht ist die Lehrerin/ der Lehrer stets auch als Vertreter/in
einer Glaubensgemeinschaft anwesend, die als Kirche einen real vorhandenen Ort in der
Gesellschaft hat. Das macht konkrete Auseinandersetzung mit gelebten Werten und
gelebter Weltanschauung möglich.
Die Frage nach dem Woher und Wohin, nach dem Wahren und Guten, das mein / unser
Leben zu tragen vermag, lässt sich nur auf der Ebene eines persönlichen Bekenntnisses
beantworten. Dieses ist an eine lebendige Religionsgemeinschaft gebunden, in der die
konkrete Bedeutung von persönlichem Bekenntnis, von Glaubensregeln und Zeichen der Kirche / Religionsgemeinschaft sowie deren gestalterische Auswirkung auf die Welt
erfahren werden kann So kann der Einzelne - im Zuspruch und Widerspruch - seinen
Standort finden und im Diskurs vertreten lernen.
Religiöse Bildung geschieht in Auseinandersetzung mit durch konkrete Menschen repräsentierten Positionen. Wie empirische Untersuchungen belegen, gilt Gleiches für ethische Bildung. Sowohl die religiöse (wo komme ich her? wo gehe ich hin? wer bin ich?)
als auch die ethische Dimension (was darf ich tun?) gehören zur Identität eines Menschen
hinzu und sind Bestandteil unserer Kultur. Nach christlichem Verständnis gehören
Identität und Verständigung in dialektischem Bezug untrennbar zusammen.

8. Religionsfreiheit im Vorzeichen religiöser Pluralität und einer säkularen Kultur
verlangt Religionskompetenz.
Die entstandene Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Sinnstiftungen bedeutet für
Kinder und Jugendliche eine Befreiung und tiefgründige Verunsicherung zugleich. An die
Stelle lebensgeschichtlich gewachsener religiöser Bindungen ist eine "Welt der Optionen" getreten. Aus den "Geboten" von Milieu und Tradition sind "Angebote" auf einem Markt religiöser Anbieter geworden. Auch in Sachen Religion haben Kinder und Jugendliche keine andere Wahl - als zu wählen.
Einerseits ist es selbstverständlicher geworden, alltagspraktisch "ganz ohne Religion" zu leben, andererseits wächst allenthalben die Sehnsucht auch nach religiöser Sinngebung.
Einerseits teilen immer weniger Heranwachsende die familiäre Beheimatung in religiösen Lebensvollzügen, andererseits sollen sie sich ein selbst verantwortetes Urteil zumuten, ob und welchen Anschauungen sie vertrauen können. Immer mehr wissen immer weniger von der Religion, während immer mehr Religionen und religiöse Verheißungen alle vor die Wahl stellen. Religionsfreiheit steigert den Bedarf an Religionskompetenz.
Die Kenntnis, Begegnung und unterscheidende Auseinandersetzung mit kulturstiftenden religiösen Traditionen und Anschauungen sind wichtige Voraussetzungen für die eigene sachverständige Urteilsfähigkeit, die vor gleich-gültiger Überforderung ebenso bewahren
kann wie vor der Flucht in Schwarzweiß-Bilder fundamentalistischer Anschauungen.
Religionskompetenz schließt die Befähigung zur Religionskritik ein, sowohl im Blick auf
das Erscheinungsbild heutiger Religionsgemeinschaften im Licht ihrer Ursprünge und Ansprüche wie im Blick auf die Ausbeutung religiöser Bindungen und Traditionen für politische und wirtschaftliche Macht interessen.
Schule und Eltern werden bei der Bewältigung dieser Aufgabe nur um den Preis von
Kompetenz- und Qualitätsverlust auf den "Religionsunterricht in religiöser Pluralität"
(EKD-Denkschrift "Identität und Verständigung") verzichten können. Der
Religionsunterricht wird seine reichen Erfahrungen im Dialog mit Christen in anderen
Kulturen und Konfessionen bewähren und entwickeln können für den Dialog mit
Angehörigen anderer Religionen und nicht-religiöser Weltanschauungen.

9. Der Religionsunterricht leistet einen Beitrag zur Identitätsentwicklung
Der Religionsunterricht hilft jungen Menschen, sich in der Welt unabhängig von
herrschenden Denkmus- tern und Sprachspielen zu orientieren und zu verständigen. Dies
geschieht, indem Schülerinnen und Schülern gezielte Angebote zur Interpretation ihres
Lebens gemacht werden. Dabei unterstützt der Religionsunterricht die Schülerinnen und
Schüler bei der Suche nach Sinn und Halt in ihrem Leben, indem er existenzielle
Grundfragen aufgreift und in gemeinsamer Erinnerung elementare Geschichten und
Symbole der Religion klärt. Der Religionsunterricht hilft Schülerinnen und Schülern, eine eigene Position und Überzeugung in einer multikulturellen Gesellschaft zu finden.
Pädagogisch gefordert ist beides: Offenheit und Standpunk, die Begegnung mit der
Vielfalt und die Gelegenheit, sich in religiösen Handlungen und Überzeugungen
wiederzuerkennen, um so zu lernen, bleibende Unsicherheit zu ertragen und "den
Unterschied in der Gleichheit zu leben" (Todorov).

10. Der Unterschied zwischen Religionsunterricht, Ethikunterricht und Philosophie liegt in der Begründung ihrer Antworten
Das Nachdenken über Grundfragen des menschlichen Seins und Handelns ist eine
allgemeine Aufgabe schulischer Bildung. Sie darf nicht verkürzt werden auf das Idealbild
vom funktionstüchtigen, flexiblen und leistungsfähigen jungen Menschen, der die
schulischen Lektionen gelernt hat: Einübung in kulturelle Normen (Sozialisation),
Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten (Qualifikation) und Chancenzuweisung
(Selektion). Der Religionsunterricht bietet einen Raum für Lebensfragen, der erhalten und sorgfältig ausgestaltet werden muss. Niemand wird für die Abschaffung des
Deutschunterrichts plädieren, weil die Sprache Gegenstand auch anderer Fächer ist.
Der Religionsunterricht sieht sich nicht in Konkurrenz zu, sondern im kritischen Dialog mit anderen so genannten Wertefächern - "in wechselseitiger Anerkennung und
Gleichberechtigung" (K. E. Nipkow). Auch Philosophie und Ethikunterricht berühren die
Gottesfrage, ringen um allgemein verbindliche Maßstäbe ethischen Handelns und deren
letztliche Begründbarkeit. Der herausragenden religionspädagogischen Aufgabe, Kinder und Jugendliche zur aktiven Teilhabe am lebensnotwendigen Prozess der Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und des Friedens zu begeistern, entspricht den
philosophischen Ansätzen einer universalen Ethik in einer Situation, in der menschliches
Handeln eine unabschätzbare Tragweite für das Leben weltweit und für künftige
Generationen erlangt hat.
Andererseits gehen Religions- und Ethikunterricht nicht ineinander auf. Sie haben ein je
eigenständiges Fundament: Religion erfasst nicht einen Teilbereich des Lebens, sondern
macht Leben und Welt insgesamt frag-würdig. Für philosophische Weltanschauung und
Ethik ist die "ratio" die vernunftgeleitete Erkenntnis, die höchstrichterliche Instanz. Die
letzte Autorität der Religion ist die Gotteserfahrung, für Christen ist sie - unbeschadet gewissenhafter vernünftiger Prüfung - vermittelt durch das biblische Zeugnis von Jesus Christus.
Ethikkonzepte befragen Religion mit der vergleichenden, möglichst objektiven
Außenansicht. Religionsunterricht stellt sich ethischen Fragen im Auslegungshorizont
jüdisch-christlichen Denkens positionell-engagiert - in kritischer Aufnahme anderer
religiöser und weltanschaulicher Problemsichten. Bei der Frage nach Gott geht es im
ersten Falle "darum, ‚was' Gott sein mag, im zweiten Falle darum, ‚wer' Gott für einen
selbst ist" (K. E. Nipkow).
Ethikunterricht in staatlicher Regie ist der weltanschaulichen Neutralität verpflichtet in der
Absicht, in bewusster Distanznahme Jugendlichen eine freie Urteilsbildung zu
ermöglichen. Religionsunterricht geht davon aus, dass Urteilsbildung und ethisches
Handeln aus einer distanzierten, neutralen Beschäftigung mit unterschiedlichen
Sichtweisen und Positionen allein nicht erwachsen; die Motive und Antriebe zu
Standortfindung und Engagement bilden sich vielmehr in der persönlichen
Auseinandersetzung mit profilierten Standpunkten, die sich selbst kenntlich machen und
" ihre Karten offen legen" - sachbezogen und von Person zu Person.

11. Im Sinne der Schulentwicklung hat der Religionsunterricht eine besondere
Bedeutung
Durch seine Existenz werden Positionen eingebracht, die bei einer Schulkonzeption
religiöse Themen, Lebensbereiche, Sinnfragen bewusst einbeziehen bzw. dafür Sorge tragen, dass man sich traut, diesen "unbestellten Boden" zu betreten. Dies ist der
besonderen Situation in Ostdeutschland geschuldet, da hier die meisten Menschen von
religiösen Fragestellungen entfremdet wurden. Kompetenzen wie Nächstenliebe,
Fähigkeit zum friedlichen Zusammenleben mit anderen Menschen und Auseinandersetzung mit Weltanschauungen, können durch religiöse Erziehung und Bildung entscheidend gefördert werden. Die Themen, die sich auf Lebensfragen der Schüler und Schülerinnen beziehen, sind so vielschichtig, dass der Religionsunterricht materialistisch dominiertes Verständnis von Wissen sinnvoll korrigiert.
Jedes Kind kommt mit transzendenten Fragestellungen in Berührung, die von einer
atheistisch geprägten Umwelt unsicher bzw. gar nicht reflektiert werden. Diese
Fragestellungen werden im Religionsunterricht aufgenommen, es werden eigene
Erfahrungen besprochen und Schülerfragen kompetent behandelt. Dabei geht es nicht um
" mystische", unerklärbare Sachverhalte, fernab jeglicher Wissenschaftlichkeit. In
religiösen Dimensionen denkende Erwachsene geben Antworten auf weltanschauliche Fragestellungen, die eine Persönlichkeitsentwicklung fördern.
Die Schüler/innen werden damit in die Lage versetzt, in ihrer Lebensumwelt auf religiöse
Themen zu reagieren, Vorurteile abzubauen und Widerständen zu begegnen.

Auszüge aus einer Veröffentlichung der AEED von 2000-09

2008-01

 

Zukunft liegt im Miteinander der Konfessionen und Religionen
Botschaft des Ökumenischen Frauenkongresses: Es geht nur gemeinsam

Zukunft kann nur von Frauen und Männern gemeinsam gestaltet werden, das ist eine der zentralen Botschaften des Ökumenischen Frauenkongresses, der am 20.10. in Stuttgart stattgefunden hat.
Es tue der Kirche „in jeder Hinsicht“ gut, dass Frauen „nicht mehr nur auf den Zuschauerrängen sitzen“, sondern an kirchenpolitischen Entscheidungen beteiligt seien und Verantwortung trügen, sagte der württembergische evangelische Bischof Frank Otfried July in seinem Grußwort. Allerdings sei dies für Männer auch in der Kirche oft noch ungewohnt.

Generalvikar Prälat Clemens Stroppel betonte die Notwendigkeit des Miteinanders: „Wir brauchen uns gerade auch in unserer spezifisch unterschiedlichen und notwendig ergänzenden Wahrnehmung und Deutung, Gestaltung und zeugnishaften Durchdringung der Welt als Frauen und Männer.“ Er würdigte in seinem Grußwort, das er stellvertretend für Erzbischof Robert Zollitsch von der Erzdiözese Freiburg und Bischof Gebhard Fürst von der Diözese Rottenburg-Stuttgart überbrachte, darüber hinaus die Vielfalt weiblicher Erfahrung, die „für das Ganze des christlichen Lebens in unserer Zeit“ unverzichtbar sei.

Vertreterinnen aus 15 verschiedenen christlichen Kirchen in Baden-Württemberg haben den Kongress gemeinsam gestaltet, der unter dem Motto stand „Aus der Fülle handeln – Frauen gestalten Zukunft“ und an dem 2.000 Frauen teilgenommen haben. Die Vielfalt der beim Kongress vertretenen Kirchen und Gruppen nannte Albrecht Haizmann von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg einen großen Reichtum.

Als wichtigstes Ziel der Zukunft beschrieb die Hauptrednerin des Kongresses, die Bischöfin im Sprengel Holstein-Lübeck der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche Bärbel Wartenberg-Potter, ein gerechtes Zusammenleben aller Menschen. Voraussetzung dafür seien: mehr soziale, kulturelle und ökonomische Gerechtigkeit. Bärbel Wartenberg-Potter hielt die Besucherinnen des Kongresses dazu an, dies nicht nur zu fordern, sondern auch selbst zu leben. Die Zukunft liege im ökumenischen Miteinander und in einem Miteinander der Religionen. Gemeinsam sollten alle Menschen, aber gerade auch Frauen „nach dem Heiligen suchen“, das sie verbinde.

2007-11

Die 10 Thesen der EKD zum Religionsunterricht 2006
als PDF



Religionspädagogik aktuell

oder zur Seite Fachdidaktik aktuell

Lebensträume, Lebensräume - Bericht der aej

"Jugendliche in Deutschland haben berechtigte Lebensträume, Bedürfnisse und Lebensplanungen. Dafür brauchen sie Räume in Gesellschaft und Kirche." So heißt es einleitend im Bericht über die Lage der jungen Generation und die evangelische Kinder- und Jugendarbeit, der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e. V. (aej).
Unter dem Titel Lebensträume Lebensräume widmet sich dieser Jugendbericht zunächst den aktuellen Lebenslagen junger Menschen in Deutschland, um im zweiten Teil die evangelische Kinder- und Jugendarbeit in den Blick zu nehmen: ihre Grundlagen, ihre Formen, ihre Schwerpunkte. Abschließend werden thesenartig ausgewählte aktuelle Herausforderungen formuliert.
In jeder Legislaturperiode erarbeitet die aej einen Jugendbericht für die EKD-Synode; der letzte Jugendbericht wurde der Synode 1999 vorgelegt., In den vergangenen acht Jahren haben sich in der Gesellschaft und in den evangelischen Kirchen an zentralen Stellen Realitäten und Sichtweisen verändert, so die Autoren des Berichts, der aej-Generalsekretär Mike Corsa und Michael Freitag, aej-Referent für Theologie, Bildung und Jugendsoziologie. Sie konkretisieren: Die Konsequenzen des einseitig auf Wachstum orientierten Wirtschaftens rücken erkennbar näher, die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland lässt sich nicht mehr kaschieren, Familienpolitik ist nicht mehr nur Gedöns, sondern unter den Top Ten der politischen Agenda, der PISA-Schock verunsichert das staatliche Bildungswesen und hat Reformen zur Folge, die noch in den 90er Jahren undenkbar waren. Auch die evangelischen Kirchen reagierten mit Veränderungen und diskutierten über die Stärkung des Profils, die Qualität und die notwendige Breite ihrer Angebote.
Jugendliche Lebenswelten sind ein Spiegel der Gesellschaft. In ihnen lassen sich aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Perspektiven erkennen. Junge Menschen müssen sich auf spezifische Weise mit den gesellschaftlichen Realitäten arrangieren, erklären Corsa und Freitag. Um das Leben junger Menschen verstehen zu können, seien unterschiedliche Blickrichtungen auf die Wirklichkeit von Kindern und Jugendlichen notwendig auch um die Bedeutung evangelischer Kinder- und Jugendarbeit und ihre Perspektiven aufzeigen zu können. Kinder- und Jugendarbeit vollzieht sich in einer Spannung zwischen ihrem Auftrag und den Bedürfnissen Jugendlicher, so die Autoren.
Seinen Fokus legt dieser Jugendbericht zum einen auf die zunehmende Armut, die viele Kinder und Jugendliche in Deutschland betrifft, zum anderen auf die zielgruppengemäße Auseinandersetzung mit Religion und die Praxis von christlichem Glauben und Spiritualität. Beides sind zentrale Herausforderungen für die evangelische Kinder- und Jugendarbeit.
Als aktuelle Standortbestimmung der Evangelischen Jugend richtet sich der Jugendbericht nicht nur an die EKD-Synode, sondern auch an Leserinnen und Leser in der gesamten (evangelischen) Kinder- und Jugendarbeit als Anregung zur Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen Arbeit.
Die Publikation Lebensträume Lebensräume. Bericht über die Lage der jungen Generation und die evangelische Kinder- und Jugendarbeit (213 S.) ist in der edition aej erschienen und kostet im Buchhandel 7,90 Euro.
2008-11


Religionsunterricht an deutschen Schulen
im Ausland

Der Religionsunterricht ist an den weltweit 117 deutschen Auslandsschulen ordentliches Unterrichtsfach. Eine gemeinsam vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebene Broschüre verdeutlicht den Stellenwert des Evangelischen und Katholischen Religionsunterrichts in diesen Schulen.

Sie richtet sich an Schulleitungen und Kollegien, Eltern und die Verantwortlichen in den katholischen und evangelischen deutschsprachigen Auslandsgemeinden, aber auch an Interessierte in Botschaften, Ämtern und Kulturorganisationen.
Die Orientierungshilfe informiert auf knapp 30 Seiten über Aufgaben und Ziele des konfessionellen Religionsunterrichts an den Auslandsschulen, die besonderen Profile des Evangelischen und Katholischen Religionsunterrichts und das Verhältnis dieser Fächer zum Ethikunterricht. Religiöse Bildung ist gerade an den deutschen Auslandsschulen wichtig, denn Religion ist in weiten Teilen der Welt prägender Bestandteil der Alltagskultur, der sich auf Politik und Wirtschaft auswirkt. So erkennen viele Europäer erst in der Begegnung und im Zusammenleben mit Menschen anderer Kulturen und Religionen, wie stark die vermeintlich säkulare eigene Kultur von christlichen Werten und Traditionen geprägt ist.

Die Broschüre enthält auch die organisatorischen Regelungen zum Religions- und Ethikunterricht, die der Bund-Länder-Ausschuss für schulische Arbeit im Ausland (BLASchA) für die deutschen Auslandsschulen verbindlich beschlossen hat. Demnach soll in allen Schularten und Jahrgangsstufen Evangelischer und Katholischer Religionsunterricht angeboten werden. Um den Belangen kleinerer Schulen gerecht zu werden, wird eine Mindestgruppengröße von acht Schülern festgelegt. Kommt diese Zahl nicht zustande, wird Evangelischer oder Katholischer Religionsunterricht eingerichtet, an dem Schüler beider Konfessionen, aber auch konfessionslose Schüler teilnehmen können. Diese organisatorischen Regelungen schaffen Rechtsklarheit und stärken damit den Religionsunterricht an den einzelnen Schulen.

Die Broschüre steht zum Download bereit unter www.ekd.de/download/religionsunterricht_ausland.pdf .
2008-07


Stärke durch Vielfalt – Evangelischer Religionsunterricht in seinen Kontexten

Stellungnahme der
Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erzieher in Deutschland e.V. (AEED)

1. Situation

2. Chancen

3. Schwierigkeiten

4. Folgerungen


1. Situation


Wir nehmen wahr, dass sich der evangelische Religionsunterricht in der Schule innerhalb
der Bundesrepublik Deutschland sehr vielgestaltig entwickelt hat. In den einzelnen
Bundesländern und Regionen, den unterschiedlichen landeskirchlichen Traditionen und
gesellschaftlichen Konstellationen entsprechend finden wir beträchtliche Unterschiede.


- im Blick auf die Personen, die RU unterrichten: In etlichen Bundesländern,
vorwiegend im Süden, decken Pfarrer/innen oder auch an kirchlichen
Fachhochschulen ausgebildete Religionspädagog/innen einen hohen Anteil des
Unterrichts ab, in Norddeutschland ist dies eher selten,

- im Blick auf die Konzeptionen: Das Spektrum reicht vom Festhalten an der
konfessionellen Positionierung des RU und konfessionellen Kooperationen (in
verschiedenen Formen) bis hin zur programmatischen interreligiösen Öffnung und
grundgesetzlich ermöglichten Sonderformen in einigen Bundesländern wie dem
Bremer „Unterricht in Biblischer Geschichte auf allgemein christlicher Grundlage“,
dem Berliner kirchlichen Religionsunterricht, dem Hamburger Modell
„ Religionsunterricht für alle“ und dem Brandenburger Unterrichtsfach
„ Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde“.

- im Blick auf die leitenden didaktischen Muster: In einigen Bundesländern
orientiert sich der RU an curriculumtheoretisch angelegten Lehrplänen, in anderen
nimmt er etwa in hohem Maße Anregungen der Symboldidaktik, in wieder anderen
die Standarddiskussion auf. Die didaktischen Differenzen verstärken sich um ein
Vielfaches durch die Akzente der einzelnen Lehrer/innen und Fachkonferenzen,

- im Blick auf die Schulformen: So wird der RU an den Berufsschulen z.B. nach den
Grundsätzen der Berufsbezogenheit und der Lernfeldorientierung gestaltet, an
allgemeinbildenden Schulen soll er auch der Persönlichkeitsentwicklung dienen
und will ein integraler Bestandteil ihrer Bildung sein.

- im Blick auf die inhaltlichen Schwerpunkte: Mancherorts wollen Lehrpläne
verbindlich den Erwerb eines umfassenden Grundwissens sichern, andernorts
sind weite Teile der Unterrichtsgestaltung für die Prägung durch die Lehrkräfte
freigegeben.

-im Blick auf die religiösen Rahmenbedingungen: In einigen Regionen wird die
multireligiöse Zusammensetzung der Schülerschaft als zentrale Herausforderung
wahrgenommen, in anderen die Entkirchlichung oder die bereits tatsächliche
Kirchenferne bzw. Unerfahrenheit mit gelebtem Christentum. In manchen
Bundesländern bzw. Regionen ist der evangelische Religionsunterricht Unterricht
für eine kleine Minderheit der Schüler/innen, in anderen ist er der
Religionsunterricht für die Majorität. Mancherorts sind fast alle teilnehmenden
Schülerinnen und Schüler evangelisch, andernorts stellen andere Konfessionen
oder sogar Religionen einen großen Teil der Teilnehmenden am RU. Mancherorts
steht dem ev. RU nur der katholische, anderswo steht ihm darüber hinaus
Ethikunterricht, dazu orthodoxer, jüdischer, probeweise auch bereits muslimischer
Religionsunterricht zur Seite,

-im Blick auf die schulischen und schulpolitischen Vorgaben: Nicht nur die
Ungleichzeitigkeit und Verschiedenheit von Schulreformen lässt den RU
verschiedene Gestalt gewinnen, sondern auch die Unterschiedlichkeit der
Schulverwaltungsmaßgaben (z.B. Stundentafeln), die unterschiedliche politische
Wertschätzung und Pflege des Religionsunterrichts, auch die unterschiedliche
Aufmerksamkeit der Kirchen für „ihr“ Fach,

-im Blick auf den „Stand“ des Faches im Schulkollegium, in Schulleben und
Schulprofil. Mancherorts spielt der RU eine integrale Rolle, wird von Kollegium
und Schulleitung geachtet und durch ein recht breites Spektrum von religiösem
Schulleben sowie durch eine lebendige Nachbarschaft von Schule und Gemeinde
gestützt; andernorts fehlt es an all diesen Facetten: RU wird marginal.

2. Chancen


Wir bejahen eine Vielfalt. Sie ist auf der Grundlage von Artikel 7.3 GG möglich und
entspricht dem föderalen Prinzip der Schulpolitik, sie entspricht der geschichtlich
gewachsenen Vielgestaltigkeit der evangelischen Kirchen in Deutschland und ist
Ausdruck der Freiheit, zu der christlicher Glaube nach protestantischer Lesart befreit.
Pluralismus ist kein „Betriebsunfall“, sondern ein positives, anregendes Phänomen.

Näherhin begrüßen wir diese Vielfalt aus folgenden religionspädagogischen Gründen:
RU ist „ein freier Dienst an einer freien Schule“ (EKD-Synode in Berlin-Weißensee 1958);
er darf und soll sich im Einklang mit den theologischen Überzeugungen der
Verantwortlichen und den pädagogischen Herausforderungen verändern. Die didaktische
Verantwortung der Religionslehrenden, die bildungspolitische Perspektive derer, die hier
aus evangelischem Glauben engagiert sind, lassen verschiedene Antworten auf
dieselben Herausforderungen zu. Nicht zuletzt: Religionsunterricht, der sich am Schüler
bzw. an der Schülerin orientiert, ist notwendigerweise kontextuell und vielgestaltig.
Optionen, die menschen- und sachgerecht sind, sollen und dürfen realisiert werden; das
Ausloten verschiedener Wege birgt ein hohes Anregungspotential für
Religionslehrer/innen und Religionspädagog/innen. Einheitlichkeit an sich ist weder eine
pädagogische noch eine theologische Notwendigkeit.


3. Schwierigkeiten


Unbeschadet dessen beobachten wir auch Schwierigkeiten – Schwierigkeiten
theologischer und pädagogischer Qualität – , die sich aus dieser Vielfalt ergeben:

-Vielfalt auch in inhaltlichen Grundfragen kann Bildungs-Gerechtigkeit und
Identifizierbarkeit des Faches gefährden.
In einer mobilen Gesellschaft sollte das Fach Evangelischer RU für Schülerinnen
und Schüler unterschiedlicher (geografischer) Herkunft wiedererkennbar sein,
vergleichbare Lernchancen eröffnen und auch verlässlich bestimmte
Kompetenzen vermitteln.

-Vielfalt, die nicht in Anliegen und Sache des RU begründet liegt, kann anzeigen,
dass dieses Fach in den Dienst politischer oder ökonomischer Interessen
genommen werden soll bzw. wird.
Religionsunterricht sollte seiner Sache gemäß und den Menschen gemäß sein,
die ihn erleben, nicht Spielball fach- und sachfremder Ziel- und Zwecksetzungen
werden.

-Vielfalt im organisatorischen und konzeptionellen Bereich kann die Anerkennung
des RU als ordentliches Unterrichtsfach in Frage stellen.
Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach braucht auch geordnete
Rahmenbedingungen, die einerseits keinen Zweifel an seinem Stellenwert im
Bildungsprogramm lassen, andererseits das Recht zur Abmeldung vom
Religionsunterricht (aus Gewissensgründen) wahren.


Vielfalt in der Begründung und Ausrichtung des RU kann das Profil des Faches
verunklaren, das in Deutschland gewachsen ist. Zu diesem Profil gehört z.B. die
Mitverantwortung der Kirchen, die Verbindung zu gelebter und praktizierter
Religion und der Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften.
In einem politisch geeinten Europa, das sehr verschiedene Formen von
Religionsunterricht, aber auch den Verzicht auf Religionsunterricht in der Schule
kennt, wird ein solches Profil des evangelischen Religionsunterrichts in
Deutschland nicht entbehrlich sein.


4. Folgerungen


Angesichts der Schwierigkeiten, die durch diese Vielfalt bedingt sind, fordern wir

-eine repräsentative empirische Untersuchung von (ev.) RU, um dessen
Leistungen und Grenzen realistischer abbilden zu können,

-eine religionspädagogische Forschung und Lehre, die regionale Differenzen
empirisch wahrnimmt, bewusst macht und konzeptionell bedenkt,

-eine Aus-, Fort- und Weiterbildung von Religionslehrer/innen über die Grenzen
von Landeskirchen und Bundesländern hinweg, damit Kolleginnen und Kollegen
das Anregungspotential der Vielfalt erfahren können,

-die Orientierung an bundesweit gemeinsamen Standards und die Pflege bzw.
Entwicklung eines gemeinsamen Bestandes von Themen in allen Lehrplänen (im
Sinne des sog. Kerncurriculums der EKD)i. Wir bitten Lehrplankommissionen und
kirchliche Schulabteilungen verstärkt auf den Erhalt bzw. den Ausbau solcher
Gemeinsamkeiten zu achten,

-ein konstruktiv-kooperatives Verhältnis eines profiliert evangelischen
Religionsunterrichts vor allem zum katholischen und jüdischen RU, aber auch z.B.
zum islamischen Religionsunterricht,

-das entschiedene Festhalten an Art 7.3 GG und eine Stärkung von Angeboten
religiösen Schullebens, die diesen Religionsunterricht mit gelebter Religion“
rückkoppeln und seinen Stellenwert im Schulprogramm unterstreichen.

Kurz: Wir wünschen uns, dass Religionslehrer/innen und Religionspädagog/innen wie
schon seit längerem im Verhältnis zu anderen Konfessionen und religiösen bzw.
weltanschaulichen Orientierungen so nun auch innerhalb des Protestantismus verstärkt
nach „Identität und Verständigung“ suchen. Evangelischer Religionsunterricht braucht
angesichts seiner Vielfalt die Verständigung zwischen Lehrer/innen und
Religionspädagog/innen über unterschiedliche Traditionen und Akzente, er braucht das
Bemühen um ein als evangelisch identifizierbares Profil.

Verfasst von der Kommission für Fragen des Religionsunterrichts, Münster 30.05.06

Mitglieder:
Thomas Gießen (Sprecher)
Thomas Niederberger
Dörte Nowitzki
Dr. Gudrun Philipp
Prof. Dr. Bernd Schröder
Martina Schlosser
Knut Thielsen

Petra David (Geschäftsführende Referentin)

AEED Geschäftsstelle – Schreiberstraße 12 - D-48149 Münster
Tel. 0251 98101 35 - Fax 0251 98101 50
E-Mail aeed@comenius.de – www.aeed.de

1) Kirchenamt der EKD (Hg.) Identität und Verständigung. Standort und Perspektiven des Religionsunterrichts in der
Pluralität. Eine Denkschrift der EKD, Güterloh 1994, hier 18 f.


 

 


 

Gelesen auf der Homepage des Badischen Religionslehrerverbandes

Positionspapier - Religionsunterricht kommt zu kurz

Der Religionsunterricht an deutschen Schulen kommt nach Einschätzung des Bundesverbandes der katholischen Religionslehrer zu kurz. Besonders an berufsbildenden Schulen sei der Religionsunterricht «ein weißes Feld», sagte der Leiter der Schulabteilung des Bistums Erfurt, Martin Fahnroth, am Rande des Bundeskongresses des Verbandes in Erfurt. Der Großteil einer Schülergeneration werde damit vom Religionsunterricht ausgeblendet. Das sei «ein Skandal, im Osten wie im Westen», sagte Fahnroth.
Allein in Thüringen nähmen 90 Prozent der katholischen Berufsschüler weder am Ethikunterricht noch an der Religionslehre teil. Bei den evangelischen Schülern seien es 80 Prozent, bezogen auf alle Berufsschüler 82 Prozent. Grund dafür sei auch ein Mangel an Lehrern, da es nicht genügend Bewerber gebe.
In einem Positionspapier bezeichnen die Kongressteilnehmer den Religionsunterricht als unverzichtbar. Dort erhielten die Schüler «fundiertes Wissen über den christlichen Glauben sowie über den Menschen und seine soziale Dimension». Das befähige sie, sich mit fundamentalistischen Strömungen und radikalen gesellschaftlichen Positionen auseinanderzusetzen. Zugleich warnen die Kongressteilnehmer in dem Papier davor, die Schule zum verlängerten Arm wirtschaftlicher Interessen zu machen. Kürzungen am Religionsunterricht gingen «zu Lasten der Schülerinnen und Schüler und letztendlich zu Lasten der gesellschaftlichen Realität».
Die GCLE Sachsen sieht diese Stellungnahme realistisch. Zwar ist der Religionsunterricht in Sachsen Dank des Engagements der Landeskirchen, des Kultusministeriums und der vielen engagierten und überzeugten Religionslehrer in den neuen Bundesländern am besten etabliert, dennoch ist das nicht immer bis zur letzten Schulleitung der staatlichen Schulen aller Schularten vorgedrungen. Hier wird der RU als ein „schmückendes Beiwerk“ oder als „notwendiges Übel“ angesehen. Deshalb wird sich die GCLE Sachsen dafür einsetzen, dass mehr Religionslehrer an staatlichen Schulen eingestellt werden. Nur mit Kontinuität können wir überzeugen. Wenn uns das nicht gelingt, werden wir in Sachsen einen 2-Klassen-Religionsunterricht haben. Einen mehrstündigen RU an Schulen in kirchlicher Trägerschaft und das o.g. „Beiwerk“ an staatlichen Schulen. Hier sind vor allem die Landeskirchen gefordert. Das Engagement für den RU darf nicht nur auf Schulen in kirchlicher Trägerschaft begrenzt bleiben. Das wahre Schulleben spielt sich an den vielen staatlichen Schulen in Sachsen ab. Dies wird auch in Zukunft so sein.


Uwe Müller, Vorsitzender, i.A. des Vorstandes

 


 
 
 

„Bildung ist ein weltlich Ding“
Bildungsstandards, Bildungsziele und ihre Grenzen


Nicht erst durch PISA wissen wir: Eine Verbesserung des deutschen Bildungssystems ist nötig.

1. Worin aber kann diese Verbesserung bestehen? Die Frage nach dem Ziel von Bildung scheint in der pädagogischen Diskussion ungeklärt zu sein. „Grundlegend wäre eine Bestimmung von Bildung, die in nationalen wie bildungspolitischen Entwürfen fehlt oder blass bleibt“ (EKD-Denkschrift „Maße des Menschlichen, S.66).
2. Andererseits gibt es viele Ideen und Konzepte, die in den Schulen von Lehrerinnen und Lehrern umgesetzt werden sollen: Schulautonomie, Schulprogrammentwicklung, neue Lehrpläne, offene Ganztagsschulen, Lernfelddidaktik in den Berufsschulen, neue Unterrichtsmethoden… Und jetzt eben: Standards.
3. Für Lehrerinnen und Lehrer bedeutet dies immer einen hohen Arbeitsaufwand verbunden mit der Unsicherheit darüber, ob diese Idee, dieses Konzept mittelfristig in der Schule überhaupt noch von Bedeutung ist. Wir bezweifeln, dass dieser derzeit zu beobachtende Trend unser Bildungssystem wirklich nachhaltig verbessern kann.
4. Nötig scheint uns, die verschiedenen bildungspolitischen Konzepte, mit denen die Schulen beschäftigt sind, stärker miteinander in Beziehung zu setzen und eine realistische Prioriätensetzung unter Berücksichtigung der real vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen zu ermöglichen.
5. Wir möchten gerne „Halt“ rufen! Wir wünschen uns, dass vor der Einführung eines neuen Konzepts zur Verbesserung des Bildungssystems zumindest der Versuch unternommen wird, einen möglichst breiten Konsens über die Frage nach den Zielen von Bildung zu formulieren.
6. Für uns als evangelische Christen betrifft Bildung „den einzelnen Menschen als Person, seine Förderung und Entfaltung als „ganzer Mensch“ und seine Erziehung zu sozialer Verantwortung für das Gemeinwesen“ (Maße des Menschlichen, S.89).
7. Es geht bei der Verbesserung des Bildungssystems doch nicht darum, im Ranking der nächsten PISA-Studie die deutsche Platzierung zu verbessern. Im Mittelpunkt steht die einzelne Schülerin, der einzelne Schüler als Ebenbild Gottes. Dabei ist Bildung die Bedingung der Möglichkeit der Entfaltung der in jedem einzelnen Menschen ruhenden Anlagen und Kräfte.
8. Nach dem christlichen Menschenbild muss dabei die unaufhebbare Unvollkommenheit des Menschen mitbedacht werden. „Bildung ist ein weltlich Ding“ (Martin Luther). Der Mensch bleibt unvollkommen, daran wird auch die beste Bildung nichts ändern können. Der Mensch wird die Ziele von Bildung nicht aus eigener Kraft erreichen können, er bleibt auf die „Bildungsarbeit“ Gottes angewiesen.
9. Ob Bildungsstandards dabei helfen, diese Ziele zu erreichen, können wir heute noch nicht beurteilen. Es gibt kritische Anfragen an das Konzept, in dem wir andererseits positive Möglichkeiten erkennen.
10. Im Religionsunterricht kann und darf man sich der Formulierung von Bildungsstandards nicht verschließen. Es muss aber gesichert werden, dass nicht nur die Gleichrangigkeit von Orientierungs- und Verfügungswissen gewährleistet wird, sondern auch die religiösen, ethischen, emotionalen und volitiven Dimensionen des Lernens im Blick bleiben.
11. Als Verband von Lehrerinnen und Lehrern sind wir sicher, dass Bildungsstandards nur dann ein sinnvolles Instrument zur Verbesserung des deutschen Bildungssystems sein können, wenn sie nachhaltig erprobt werden und wenn sie dem Grundsatz „Förderung statt Auslese“ dienen.

AEED, Gelnhausen, Mai 2004