Thierse verteidigt Religionsunterricht
Der Vizepräsident des Bundestages, Wolfgang
Thierse, hat vor einem Alleinvertretungsanspruch des Staates bei
der Wertevermittlung
gewarnt.
Wenn der Staat wie in Berlin das Fach Ethik in Schulen obligatorisch
mache und keinen Religionsunterricht als Alternative anbiete, dann
mache er sich dadurch zum obersten Wertevermittler, erklärte der
SPD-Politiker in Berlin. "Das erinnert mich an die DDR, und das wollte
ich nie wieder haben."
2008-11
Für eine Stärkung der
Religionspädagogik
Der "Arbeitskreis für Religionspädagogik e.V." (AfR)
hat auf seiner diesjährigen Mitgliederversammlung in Erfurt Prof.
Dr. Michael Wermke von der Friedrich-Schiller-Universität Jena
zum Vorsitzenden des vierköpfigen Vorstands gewählt.
Wermke löst damit Prof. Dr. Andrea Schulte von der Universität
Erfurt nach mehrjähriger
Tätigkeit in dieser Funktion ab. "Die Umstrukturierung in
der Lehrerbildung im Zuge des Bologna-Prozesses, der Ausbau der Zusammenarbeit
zwischen Schulen und Kirchen und die Stärkung des Religionsunterrichtes
in den Bundesländern sind wichtige Ziele, die ich in den kommenden
zwei Jahren anpacken möchte," berichtet der Jenaer Religionspädagoge.
Der "Arbeitskreis für Religionspädagogik e. V." ist
der Fachverband der in der Lehre und Forschung tätigen evangelischen
Religionspädagogen und Theologen an Hochschulen und Instituten
innerhalb und außerhalb des deutschsprachigen Raums. Der AfR
wurde 1948 von den namhaften Religionspädagogen Oskar Hammelsbeck,
Martin Stallmann und Hans Stock mit dem Ziel gegründet, nach den
Folgen des Zweiten Weltkriegs das Verhältnis von Glaube und Erziehung
neu und kritisch zu diskutieren. Seitdem trifft sich der Verband regelmäßig
zu
Jahrestagungen, um aktuelle Themen religiöser Bildung und Erziehung
in Forschung und Lehre zu erörtern. Derzeit gehören dem Verband über
230 Mitglieder an.
2008-11
Evangelischer
Religionsunterricht – Argumente
für das kleine Fach der großen Fragen oder warum Religionsunterricht
für junge Menschen eine gute Sache ist
Soll unser Kind am Religionsunterricht teilnehmen?
Für Eltern
ist dies immer seltener eine
Frage der Konvention und immer häufiger eine Frage der bewussten
Entscheidung. Sie
ist Ausdruck des Grundrechts auf religiöse Freiheit (Art. 4 Grundgesetz).
Eigene
Erfahrungen, Eindrücke und Bilder von Christentum und Kirche werden
wach und auf ihre
Gültigkeit befragt. Vielfach werden Zweifel laut, ob der Religionsunterricht
für das eigene
Kind das Richtige sei:
•
"Religionsunterricht ist doch Kirche in der Schule. Unser Kind soll
nicht einseitig von kirchlichen Lehren beeinflusst werden."
•
"Religion ist ein unmodernes Überbleibsel unserer Geschichte.
Aufgeklärte junge Menschen brauchen sie nicht mehr."
•
"Wir sind auch ohne Kirche und Religion anständige Menschen
geworden."
•
"Was hat Religion zu bieten, was unser Kind nicht auch in Fach Ethik
haben kann?"
•
"Unterrichtsstunden sind kostbar. Es gibt wichtigere Dinge als Religion
für eine gute Schulausbildung."
1. Religionsunterricht gehört zum Erziehungs-
und Bildungsauftrag der Schule
Der Religionsunterricht bezieht sich wie alle anderen Fächer
auf den Bildungs- und
Erziehungsauftrag der Schule. Darin werden Werte vorgegeben, an denen
Unterricht und
Erziehung in allen Fächern auszurichten sind: z.B. Achtung vor
dem Menschen, Toleranz,
Eintreten für das Lebensrecht aller Menschen.
Dabei hat der Religionsunterricht die Aufgabe, die religiöse Dimension
zu thematisieren
und den Heranwachsenden zur kritischen Teilnahme an der kulturellen
Entwicklung zu
befähigen. Im bestehenden Bildungssystem ist er der Ort, wo
a) Aussagen religiöser Traditionen im Hinblick auf grundsätzliche
Fragen menschlicher
Existenz erschlossen werden,
b) dem Heranwachsenden Hilfen zum Verständnis religiöser
Orientierun gen und
Traditionen, die die Gegenwart bestimmen, gegeben werden,
c) kritische Distanz gegenüber den unterschiedlichen Formen des
Missbrauchs von
Religion gefordert ist und
d) Dialogfähigkeit vermittelt wird.
2. Aufgabe des Religionsunterrichts ist nicht die Vermittlung von
Glauben, aber der
Glaube ist sein Bezugspunkt
Der Religionsunterricht unterstützt und begleitet Kinder und Jugendliche.
Durch
Vermittlung von Sachkenntnis, authentische Begegnung mit der christlichen
Tradition und
im Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen können Kinder
und Jugendliche
selbst herausfinden, wer sie sein und was sie glauben wollen. "Bildung" beinhaltet,
sich
ein eigenes Bild machen zu können. Diese Aufgabe stellt den Religionsunterricht
vor ein
sachbedingtes Dilemma. Religion hat eine Außenseite und eine
Innenseite. Die
äußerliche, objektive Seite bilden Heilige Schriften, Festkalender,
Räume, Riten, Symbole und Traditionen, die sich besehen, beschreiben,
vergleichen und beurteilen lassen. Die Innenseite von Religion kann
nur Gestalt annehmen in leibhaftigen, konkreten Personenund lebendigen
Religionsgemeinschaften.
Unterricht, der nur die Außenseite wahrnimmt, erschließt
Religion gleichsam aus der
Vogelperspektive und läuft Gefahr, sie als leblose, museal zu
besichtigende
Versteinerung in den Blick zu nehmen. Gelebter Religion dagegen kann
man nicht
teilnahmslos begegnen. Auf Personen muss man sich einlassen, denn beim
Glauben ist
wesentlich "Commitment" im Spiel, das, dem man vertraut und
auf das man sich verlässt.
Für das "eigene Bild" über das religiöse Bekenntnis
und Zeugnis gibt es keinen
Standpunkt außerhalb, sondern nur Beteiligte. Bestimmtheit und
Standpunkt stehen
Distanz und Kritik nicht entgegen, sondern sind deren Voraussetzung. "Religion
kann man nicht nur, man muss sie lehren, Glauben dagegen kann man lernen,
prüfen,
sich bewusst machen, sich und anderen bestätigen, bekennen, vorleben,
austragen, und von alledem muss man nichts tun.
Das erste steht auch
Institutionen zu, das zweite nur Personen" (H.
v. Hentig). Die Erschließung von Religion im Religionsunterricht
kann um der "Sache"
willen auf die Binnenperspektive nicht verzichten und darf zugleich
die Grenze zur
Vereinnahmung nicht überschreiten.
3. Religionsunterricht vermittelt wichtige Kompetenzen
Der Religionsunterricht nimmt im Erfahrungshorizont der Schülerinnen
und Schüler die Frage nach dem Sinn des Lebens auf, thematisiert
Beispiele gelebter und überlieferter Religion und stärkt
damit wichtige Kompetenzen.
Religiöse Kompetenz realisiert sich im Blick auf den Einzelnen
in vier Feldern, die seit
langem in Untersuchungen über Bildung eine Rolle spielen. (1)
a) Lebensgeschichtliche Kompetenz / individuelle Sozialisation:
Entwicklungspsychologisch gesehen fundiert und unterstützt der
Religionsunterricht in
besonderem Maß die Verstärkung von Urvertrauen und die kritische
Aneignung eines
religiösen Selbstbezuges, so dass Heranwachsende ihre Identität
in dieser Richtung ausbilden können. Durch die Begegnung mit der
Bewusstheit eines reflektierten Glaubens können sie in entscheidendem
Maße fähig werden, zu
sich selbst zu stehen und ein lebensgeschichtlich verankertes, verantwortungsfähiges
Selbst zu entwickeln.
b) Kulturelle Kompetenz / kulturelle Überlieferung:
Das kritisch verarbeitete Wissen um religiös-kulturelle Traditionen
und Zusammenhänge
fördert die Fähigkeit, die geschichtliche Herkunft der eigenen
Prägung zu verstehen,
religiöse Vorgänge und Phänomene zu deuten, zu reflektieren
und weiterzudenken. Diese kulturelle religiöse Kompetenz kann
sich in der Auseinandersetzung mit und bei der
Integration von fremden Religionen und Kulturen bewähren. Sie
ist ohne Bereitschaft zur Bestimmung des eigenen religiösen Standortes
kaum denkbar, weil Verstehen von
Fremdem immer auch auf einem reflektierenden Verstehen des Eigenen
basiert.
c) Ethisch verantwortliches Handeln in der Gesellschaft:
Glaube und Religion gehören zu den grundlegenden Motivationen
für die Übernahme von Verantwortung und für die Bereitschaft
zur humanen Gestaltung von Gemeinschaft.
Anders als in einem neutral zu haltenden Ethikunterricht werden ethische
Motivationen
nicht nur besichtigt und von außen reflektiert, sondern begründet,
der Intention nach vom
Einzelnen für sich selbst übernommen, miteinander geteilt,
verstärkt und trotzdem
zugleich dem kritisch ausgebildeten geschichtlichen Bewusstsein einer
2000-jährigen Christentumsgeschichte ausgesetzt, das die Aufklärung
als einen Teil ihrer selbst
verstehen kann.
d) Fähigkeit zur Teilhabe an religiöser Praxis:
Die religionssoziologisch erfassbaren Entwicklungen machen darauf aufmerksam,
dass es noch eine vierte Dimension religiöser Kompetenz gibt,
die lange unbeachtet blieb oder unterschätzt wurde: die Fähigkeit,
sich selbst im expressiven Sinn religiös zu verhalten.
An sich hat die Erschließung von aktiver religiöser Praxis
ihren Ort in der Familie und
Gemeinde. Da der religiöse Sozialisationsabbruch in Europa hier
ein starkes Defizit hinterlassen hat, gehört es zu den Chancen
und Verpflichtungen des Religionsunterrichts, die ihn von anderen Fächern
wesentlich unterscheiden, den Zugang zu einem verstehenden Ausprobieren
und Weiterbilden religiöser Riten und
Vollzüge zu eröffnen.
Dieser Zugang konkretisiert sich u.a. in Schulgottesdiensten, in der
Fähigkeit zum Gebet.
Er ist vergleichbar damit, Sport zu treiben, Musik zu machen, künstlerisch
kreativ sein zu
können. Im Sinn der Ganzheitlichkeit muss das Fach Religion auch "lehren",
religiöse
Praxis anzubahnen und Erfahrung zu ermöglichen. Dabei brauchen
die Grenzen
zwischen verschiedenen Religionen und Konfessionen nicht abgeriegelt
zu werden,
sondern können sich bei klarer konfessioneller Identität
gerade für Formen gemeinsamer
Praxis öffnen. Es wäre fatal, wenn der Bereich des Kultischen,
der die Menschheit von
Anfang an begleitet, in der Schule ausgeschlossen bliebe und einer
kritischen Erprobung nicht mehr zugänglich gemacht würde.
Sorgfältig sind
dabei die Grenzen der
Einflussnahme zu beachten, damit die Freiheit des Einzelnen gewahrt
bleibt.
4. Ohne Kenntnis und Erinnerung des jüdisch-christlichen
Erbes unserer Geschichte
bleibt jungen Menschen ihre eigene Lebenswelt und eine Quelle der Hoffnung
fremd, denn Zukunft braucht Herkunft
Religiöse Traditionen in den konfessionellen Ausprägungen
des Christentums haben
unsere Geschichte und Kultur nachhaltig geprägt. Sie wirken fort
in unseren Vorstellungen
von Individuum und Gemeinschaft, Frau und Mann, Zeit und Entwicklung,
beeinflussen
Moral und Recht, Sprache, Literatur, Kunst und Musik. Die Kenntnis
und kritische
Auseinandersetzung mit dem religiös-geschichtlichen Erbe ist ein
unverzichtbarer
Bestandteil schulischer Bildung. Der Religionsunterricht ist ein privilegierter
Ort für das kulturelle Gedächtnis; denn Erinnerung ist mehr
als Wissen und Andenken von
Vergangenheit. Sie öffnet die Sicht auf das Unerfüllte, auf
Leid und Hoffnung und befreit
aus dem Wiederholungszwang und falschen Bindungen. "An der Rettung
eines kulturellen
Gedächtnisses, geleitet vom Eingedenken fremden Leids, hängt
die Zukunft der
europäischen Moderne ebenso wie die Anerkennung der Würde
fremder Kulturwelten.
Und die Zukunft aller Moral" (J. B. Metz).
5. In Religion geht es ums Ganze: Wo ist mein Platz in dieser Welt?
Religionsunterricht gehört in die Schule; denn Schule braucht
einen Ort der Selbst- und
Weltverständigung. "Woher kommt das alles: der Kosmos, das
Leben, das Bewusstsein?
- Wozu ist das alles da? Wo führt das alles hin? - Warum bin ich?
- Warum bin ich ich? -
Worauf kann ich mich verlassen? - Muss, darf, kann ich Schuld vergeben?" (H.
v. Hentig).
Fragen nach "mir selbst, nach Gerechtigkeit und dem Ganzen" (F.
Schweitzer), Fragen
nach dem, wie der Mensch angesichts von Friedlosigkeit und Unrecht
als Teil der
Schöpfung gemeint ist, halten die Gottesfrage wach: Wir verdanken
uns nicht uns selbst
und empfinden tiefer als frühere Generationen die Grenzen und
Gefährdungen, das
Leben "in den Griff" zu bekommen und heil zu machen. Die
religiöse Suche nach dem
Ursprung, der Mitte und dem Sinn menschlicher Existenz hat alle Kulturen
der
Menschheitsgeschichte bewegt. Sie beschäftigt Kinder und Jugendliche
lebhafter als zuvor. Vorgestanzte Antworten überzeugen sie nicht, "schlüsselfertige
Sinngebäude" (K.
Gabriel) sind ihnen verschlossen.
5
Der Religionsunterricht hat das Ziel, Kinder und Jugendliche bei der
Frage nach Gut und
Böse, Glück und Leid, Welt und Gott nicht allein zu lassen.
Sie brauchen Zeit und Raum
der Orientierung und Selbstvergewisserung. Im christlichen Verständnis
schließt die
Frage nach Gott und seinem Willen die Frage ein, wo und wer Gott nicht
ist und was und
wer seinem Willen nicht entspricht, seien es ideologische oder materielle
Erlösungsverheißungen. Der Rückbezug auf das biblische
Gottesbild hält an zur
Unterscheidung zwischen Gott und Göttern. Wer den biblischen "Gott
nennt,... muss nicht
vollständiger Macher des Lebens sein..., nicht immer stark, gesund,
unfehlbar..., kann
auch schwach, berührbar und gebrochen sein... Er ist fähig,
darauf zu verzichten, das
Leben herbeizuzwingen. Das ist die Voraussetzung einer tiefen inneren
Gewaltlosigkeit"
(F. Steffensky).
6. Religionsunterricht bedeutet Alphabetisierung
in der Sprache der Religion - damit Staunen und Dank, Freude und Klage
nicht im Halse stecken bleiben
Kinder und Jugendliche erlernen verschiedene Wege, sich das Leben und
die Welt zu
erschließen: den mathematisch-naturwissenschaftlichen Weg, den
Weg über das Verstehen geschichtlicher und sozialer Zusammenhänge,
den Weg der Deutung von
Literatur und Kunst. Religion hat ihr eigentümliche Sprachformen
der Welt- und
Lebensdeutung hervorgebracht, die keiner anderen Welt oder religiösen
Sonderwelt
zugehören, wohl aber versprechen, mit dieser Welt anders umzugehen.
Die Kraft
religiöser Sprache des Trostes, des Widerstandes und der Hoffnung
erweist sich gerade dort, wo die Sprache des Arguments und der Logik
verstummen: Ursprungs- und
Endgeschichten, prophetisches Reden und Gebetssprache, die Sprache
der Bilder und
Symbole, eine reichhaltige liturgische Zeichenwelt von Fest, Feier
und Ritual. Die Schule hat in jüngerer Zeit begonnen, die fundamentale
Bedeutung zeitlicher Rhythmen,
einfacher Rituale und symbolischer Handlungen für das Lernen und
die Schulkultur wieder zu entdecken.
7. Religionsunterricht ist auszugestalten in Bezug auf die in der
Gesellschaft
vorhandenen Religionsgemeinschaften
Vielfalt in der religiösen Bildung ist besser als Einfalt. Die
Vielfalt in der religiösen Bildung
ist ein Zeichen der Vielfältigkeit der persönlichen religiösen
Bindung. Religiöse Bildung beinhaltet immer eine persönliche
Dimension. Der Religionsunterricht bietet die
Möglichkeit zur kontinuierlichen Begegnung mit authentischen Vertretern
von Religionen.
Im christlichen Religionsunterricht ist die Lehrerin/ der Lehrer stets
auch als Vertreter/in
einer Glaubensgemeinschaft anwesend, die als Kirche einen real vorhandenen
Ort in der
Gesellschaft hat. Das macht konkrete Auseinandersetzung mit gelebten
Werten und
gelebter Weltanschauung möglich.
Die Frage nach dem Woher und Wohin, nach dem Wahren und Guten, das
mein / unser
Leben zu tragen vermag, lässt sich nur auf der Ebene eines persönlichen
Bekenntnisses
beantworten. Dieses ist an eine lebendige Religionsgemeinschaft gebunden,
in der die
konkrete Bedeutung von persönlichem Bekenntnis, von Glaubensregeln
und Zeichen der Kirche / Religionsgemeinschaft sowie deren gestalterische
Auswirkung auf die Welt
erfahren werden kann So kann der Einzelne - im Zuspruch und Widerspruch
- seinen
Standort finden und im Diskurs vertreten lernen.
Religiöse Bildung geschieht in Auseinandersetzung mit durch konkrete
Menschen repräsentierten Positionen. Wie empirische Untersuchungen
belegen, gilt Gleiches für ethische Bildung. Sowohl die religiöse
(wo komme ich her? wo gehe ich hin? wer bin ich?)
als auch die ethische Dimension (was darf ich tun?) gehören zur
Identität eines Menschen
hinzu und sind Bestandteil unserer Kultur. Nach christlichem Verständnis
gehören
Identität und Verständigung in dialektischem Bezug untrennbar
zusammen.
8. Religionsfreiheit im Vorzeichen religiöser Pluralität
und einer säkularen Kultur
verlangt Religionskompetenz.
Die entstandene Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Sinnstiftungen
bedeutet für
Kinder und Jugendliche eine Befreiung und tiefgründige Verunsicherung
zugleich. An die
Stelle lebensgeschichtlich gewachsener religiöser Bindungen ist
eine "Welt der Optionen" getreten. Aus den "Geboten" von
Milieu und Tradition sind "Angebote" auf
einem Markt religiöser Anbieter geworden. Auch in Sachen Religion
haben Kinder und Jugendliche keine andere Wahl - als zu wählen.
Einerseits ist es selbstverständlicher geworden, alltagspraktisch "ganz
ohne Religion" zu leben, andererseits wächst allenthalben
die Sehnsucht auch nach religiöser Sinngebung.
Einerseits teilen immer weniger Heranwachsende die familiäre Beheimatung
in religiösen Lebensvollzügen, andererseits sollen sie sich
ein selbst verantwortetes Urteil zumuten, ob und welchen Anschauungen
sie vertrauen können. Immer mehr wissen
immer weniger von der Religion, während immer mehr Religionen
und religiöse
Verheißungen alle vor die Wahl stellen. Religionsfreiheit steigert
den Bedarf an Religionskompetenz.
Die Kenntnis, Begegnung und unterscheidende Auseinandersetzung mit
kulturstiftenden religiösen Traditionen und Anschauungen sind
wichtige Voraussetzungen für die eigene sachverständige Urteilsfähigkeit,
die vor gleich-gültiger Überforderung
ebenso bewahren
kann wie vor der Flucht in Schwarzweiß-Bilder fundamentalistischer
Anschauungen.
Religionskompetenz schließt die Befähigung zur Religionskritik
ein, sowohl im Blick auf
das Erscheinungsbild heutiger Religionsgemeinschaften im Licht ihrer
Ursprünge und Ansprüche wie im Blick auf die Ausbeutung religiöser
Bindungen und Traditionen für politische und wirtschaftliche Macht
interessen.
Schule und Eltern werden bei der Bewältigung dieser Aufgabe nur
um den Preis von
Kompetenz- und Qualitätsverlust auf den "Religionsunterricht
in religiöser Pluralität"
(EKD-Denkschrift "Identität und Verständigung")
verzichten können. Der
Religionsunterricht wird seine reichen Erfahrungen im Dialog mit Christen
in anderen
Kulturen und Konfessionen bewähren und entwickeln können
für den Dialog mit
Angehörigen anderer Religionen und nicht-religiöser Weltanschauungen.
9. Der Religionsunterricht leistet einen
Beitrag zur Identitätsentwicklung
Der Religionsunterricht hilft jungen Menschen, sich in der Welt unabhängig
von
herrschenden Denkmus- tern und Sprachspielen zu orientieren und zu
verständigen. Dies
geschieht, indem Schülerinnen und Schülern gezielte Angebote
zur Interpretation ihres
Lebens gemacht werden. Dabei unterstützt der Religionsunterricht
die Schülerinnen und
Schüler bei der Suche nach Sinn und Halt in ihrem Leben, indem
er existenzielle
Grundfragen aufgreift und in gemeinsamer Erinnerung elementare Geschichten
und
Symbole der Religion klärt. Der Religionsunterricht hilft Schülerinnen
und Schülern, eine eigene Position und Überzeugung in einer
multikulturellen Gesellschaft zu finden.
Pädagogisch gefordert ist beides: Offenheit und Standpunk, die
Begegnung mit der
Vielfalt und die Gelegenheit, sich in religiösen Handlungen und Überzeugungen
wiederzuerkennen, um so zu lernen, bleibende Unsicherheit zu ertragen
und "den
Unterschied in der Gleichheit zu leben" (Todorov).
10. Der Unterschied zwischen Religionsunterricht,
Ethikunterricht und Philosophie liegt in der Begründung ihrer
Antworten
Das Nachdenken über Grundfragen des menschlichen Seins und Handelns
ist eine
allgemeine Aufgabe schulischer Bildung. Sie darf nicht verkürzt
werden auf das Idealbild
vom funktionstüchtigen, flexiblen und leistungsfähigen jungen
Menschen, der die
schulischen Lektionen gelernt hat: Einübung in kulturelle Normen
(Sozialisation),
Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten (Qualifikation) und Chancenzuweisung
(Selektion). Der Religionsunterricht bietet einen Raum für Lebensfragen,
der erhalten und sorgfältig ausgestaltet werden muss. Niemand
wird für die
Abschaffung des
Deutschunterrichts plädieren, weil die Sprache Gegenstand auch
anderer Fächer ist.
Der Religionsunterricht sieht sich nicht in Konkurrenz zu, sondern
im kritischen Dialog mit anderen so genannten Wertefächern - "in
wechselseitiger Anerkennung und
Gleichberechtigung" (K. E. Nipkow). Auch Philosophie und Ethikunterricht
berühren die
Gottesfrage, ringen um allgemein verbindliche Maßstäbe ethischen
Handelns und deren
letztliche Begründbarkeit. Der herausragenden religionspädagogischen
Aufgabe, Kinder und Jugendliche zur aktiven Teilhabe am lebensnotwendigen
Prozess der Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und des Friedens
zu begeistern, entspricht den
philosophischen Ansätzen einer universalen Ethik in einer Situation,
in der menschliches
Handeln eine unabschätzbare Tragweite für das Leben weltweit
und für künftige
Generationen erlangt hat.
Andererseits gehen Religions- und Ethikunterricht nicht ineinander
auf. Sie haben ein je
eigenständiges Fundament: Religion erfasst nicht einen Teilbereich
des Lebens, sondern
macht Leben und Welt insgesamt frag-würdig. Für philosophische
Weltanschauung und
Ethik ist die "ratio" die vernunftgeleitete Erkenntnis, die
höchstrichterliche Instanz. Die
letzte Autorität der Religion ist die Gotteserfahrung, für
Christen ist sie - unbeschadet gewissenhafter vernünftiger Prüfung
- vermittelt durch das biblische Zeugnis von Jesus Christus.
Ethikkonzepte befragen Religion mit der vergleichenden, möglichst
objektiven
Außenansicht. Religionsunterricht stellt sich ethischen Fragen
im Auslegungshorizont
jüdisch-christlichen Denkens positionell-engagiert - in kritischer
Aufnahme anderer
religiöser und weltanschaulicher Problemsichten. Bei der Frage
nach Gott geht es im
ersten Falle "darum, ‚was' Gott sein mag, im zweiten Falle
darum, ‚wer' Gott für einen
selbst ist" (K. E. Nipkow).
Ethikunterricht in staatlicher Regie ist der weltanschaulichen Neutralität
verpflichtet in der
Absicht, in bewusster Distanznahme Jugendlichen eine freie Urteilsbildung
zu
ermöglichen. Religionsunterricht geht davon aus, dass Urteilsbildung
und ethisches
Handeln aus einer distanzierten, neutralen Beschäftigung mit unterschiedlichen
Sichtweisen und Positionen allein nicht erwachsen; die Motive und Antriebe
zu
Standortfindung und Engagement bilden sich vielmehr in der persönlichen
Auseinandersetzung mit profilierten Standpunkten, die sich selbst kenntlich
machen und
"
ihre Karten offen legen" - sachbezogen und von Person zu Person.
11. Im Sinne der Schulentwicklung hat der Religionsunterricht eine
besondere
Bedeutung
Durch seine Existenz werden Positionen eingebracht, die bei einer Schulkonzeption
religiöse Themen, Lebensbereiche, Sinnfragen bewusst einbeziehen
bzw. dafür Sorge tragen, dass man sich traut, diesen "unbestellten
Boden" zu
betreten. Dies ist der
besonderen Situation in Ostdeutschland geschuldet, da hier die meisten
Menschen von
religiösen Fragestellungen entfremdet wurden. Kompetenzen wie
Nächstenliebe,
Fähigkeit zum friedlichen Zusammenleben mit anderen Menschen und
Auseinandersetzung mit Weltanschauungen, können durch religiöse
Erziehung und Bildung entscheidend gefördert werden. Die Themen,
die sich auf Lebensfragen der Schüler und Schülerinnen beziehen,
sind so vielschichtig, dass der Religionsunterricht materialistisch
dominiertes Verständnis von Wissen sinnvoll korrigiert.
Jedes Kind kommt mit transzendenten Fragestellungen in Berührung,
die von einer
atheistisch geprägten Umwelt unsicher bzw. gar nicht reflektiert
werden. Diese
Fragestellungen werden im Religionsunterricht aufgenommen, es werden
eigene
Erfahrungen besprochen und Schülerfragen kompetent behandelt.
Dabei geht es nicht um
"
mystische", unerklärbare Sachverhalte, fernab jeglicher Wissenschaftlichkeit.
In
religiösen Dimensionen denkende Erwachsene geben Antworten auf
weltanschauliche Fragestellungen, die eine Persönlichkeitsentwicklung
fördern.
Die Schüler/innen werden damit in die Lage versetzt, in ihrer
Lebensumwelt auf religiöse
Themen zu reagieren, Vorurteile abzubauen und Widerständen zu
begegnen.
Auszüge aus einer Veröffentlichung
der AEED von 2000-09
2008-01
Zukunft liegt im Miteinander der Konfessionen und Religionen
Botschaft des Ökumenischen Frauenkongresses: Es geht nur gemeinsam
Zukunft kann nur von Frauen und Männern gemeinsam gestaltet werden,
das ist eine der zentralen Botschaften des Ökumenischen Frauenkongresses,
der am 20.10. in Stuttgart stattgefunden hat.
Es tue der Kirche „in jeder Hinsicht“ gut, dass Frauen „nicht
mehr nur auf den Zuschauerrängen sitzen“, sondern an kirchenpolitischen
Entscheidungen beteiligt seien und Verantwortung trügen, sagte der
württembergische evangelische Bischof Frank Otfried July in seinem
Grußwort. Allerdings sei dies für Männer auch in der
Kirche oft noch ungewohnt.
Generalvikar Prälat Clemens Stroppel betonte die Notwendigkeit des
Miteinanders: „Wir brauchen uns gerade auch in unserer spezifisch
unterschiedlichen und notwendig ergänzenden Wahrnehmung und Deutung,
Gestaltung und zeugnishaften Durchdringung der Welt als Frauen und Männer.“ Er
würdigte in seinem Grußwort, das er stellvertretend für
Erzbischof Robert Zollitsch von der Erzdiözese Freiburg und Bischof
Gebhard Fürst von der Diözese Rottenburg-Stuttgart überbrachte,
darüber hinaus die Vielfalt weiblicher Erfahrung, die „für
das Ganze des christlichen Lebens in unserer Zeit“ unverzichtbar
sei.
Vertreterinnen aus 15 verschiedenen christlichen Kirchen in Baden-Württemberg
haben den Kongress gemeinsam gestaltet, der unter dem Motto stand „Aus
der Fülle handeln – Frauen gestalten Zukunft“ und an dem
2.000 Frauen teilgenommen haben. Die Vielfalt der beim Kongress vertretenen
Kirchen und Gruppen nannte Albrecht Haizmann von der Arbeitsgemeinschaft
Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg einen großen Reichtum.
Als wichtigstes Ziel der Zukunft beschrieb die Hauptrednerin des Kongresses,
die Bischöfin im Sprengel Holstein-Lübeck der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen
Kirche Bärbel Wartenberg-Potter, ein gerechtes Zusammenleben aller
Menschen. Voraussetzung dafür seien: mehr soziale, kulturelle und ökonomische
Gerechtigkeit. Bärbel Wartenberg-Potter hielt die Besucherinnen des
Kongresses dazu an, dies nicht nur zu fordern, sondern auch selbst zu leben.
Die Zukunft liege im ökumenischen Miteinander und in einem Miteinander
der Religionen. Gemeinsam sollten alle Menschen, aber gerade auch Frauen „nach
dem Heiligen suchen“, das sie verbinde.
2007-11
Die 10 Thesen der EKD zum Religionsunterricht 2006
als PDF
|
Religionspädagogik aktuell
oder
zur Seite Fachdidaktik aktuell
„Nur mit einem stabilen
Wertefundament kann Leben gelingen." unter:
phttp://www.bayern-evangelisch.de/www/informiert/pressemitteilung-vom-8-03-2011-2.php
Standards
der EKD für den
Evangelischen Religionsunterricht unter:
http://www.ekd.de/download/ekd_texte_111.pdf.pdf
Sehr geehrte Damen und Herren,
anlässlich des diesjährigen Deutschen Evangelischen Kirchentages
in Dresden wurde von Studierenden des Institutes für Katholische
Theologie an der TU Dresden in Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten
ein Bibelpflanzenpfad angelegt.
Eröffnet wird der Bibelpflanzenpfad im Botanischen Garten mit Beginn
des Kirchentages am 1. Juni 2011. Hierzu werden Führung für
Erwachsene, aber auch für Kinder und Jugendliche angeboten. Ebenso
Familien sind herzlich dazu eingeladen, sich auf eine Entdeckungsreise
durch die biblische Pflanzenwelt zu begeben.
Schautafeln führen durch die Pflanzenwelt hinein in die Welt und
Umwelt der Bibel. Kinder und Jugendliche können sich anhand von
ergänzenden Materialien spielerisch die Erzählungen der Bibel
und die Lebenswelt des Volkes Israel erschließen. Darüber
hinaus können die erarbeiteten Materialien auch für Katechesen
oder für Unterrichtszwecke genutzt werden.
Im Anhang senden wir Ihnen einen Flyer mit der Projektbeschreibung zu.
Bei Interesse wenden Sie sich bitte an:
mailto:bot.garten@tu-dresden.de
oder
mailto:maria.haeusl@tu-dresden.de
Wir würden uns freuen, Sie im Botanischen Garten Dresden auf biblischen
Pfaden begrüßen zu dürfen.
Mit freundlichen Grüßen,
die Studierenden des Instituts für Katholische Theologie der TU
Dresden
und die Mitarbeiter des Botanischen Gartens der TU Dresden
zum Flyer als PDF
Lebensträume, Lebensräume
- Bericht der aej
"Jugendliche in Deutschland haben berechtigte Lebensträume,
Bedürfnisse und Lebensplanungen. Dafür brauchen sie Räume
in Gesellschaft und Kirche." So heißt es einleitend im Bericht über
die Lage der jungen Generation und die evangelische Kinder- und Jugendarbeit,
der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e. V.
(aej).
Unter dem Titel Lebensträume Lebensräume widmet sich dieser
Jugendbericht zunächst den aktuellen Lebenslagen junger Menschen
in Deutschland, um im zweiten Teil die evangelische Kinder- und Jugendarbeit
in den Blick zu nehmen: ihre Grundlagen, ihre Formen, ihre Schwerpunkte.
Abschließend werden thesenartig ausgewählte aktuelle Herausforderungen
formuliert.
In jeder Legislaturperiode erarbeitet die aej einen Jugendbericht für
die EKD-Synode; der letzte Jugendbericht wurde der Synode 1999 vorgelegt.,
In den vergangenen acht Jahren haben sich in der Gesellschaft und in
den evangelischen Kirchen an zentralen Stellen Realitäten und Sichtweisen
verändert, so die Autoren des Berichts, der aej-Generalsekretär
Mike Corsa und Michael Freitag, aej-Referent für Theologie, Bildung
und Jugendsoziologie. Sie konkretisieren: Die Konsequenzen des einseitig
auf Wachstum orientierten Wirtschaftens rücken erkennbar näher,
die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland lässt sich nicht
mehr kaschieren, Familienpolitik ist nicht mehr nur Gedöns, sondern
unter den Top Ten der politischen Agenda, der PISA-Schock verunsichert
das staatliche Bildungswesen und hat Reformen zur Folge, die noch in
den 90er Jahren undenkbar waren. Auch die evangelischen Kirchen reagierten
mit Veränderungen und diskutierten über die Stärkung des
Profils, die Qualität und die notwendige Breite ihrer Angebote.
Jugendliche Lebenswelten sind ein Spiegel der Gesellschaft. In ihnen
lassen sich aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Perspektiven
erkennen. Junge Menschen müssen sich auf spezifische Weise mit den
gesellschaftlichen Realitäten arrangieren, erklären Corsa und
Freitag. Um das Leben junger Menschen verstehen zu können, seien
unterschiedliche Blickrichtungen auf die Wirklichkeit von Kindern und
Jugendlichen notwendig auch um die Bedeutung evangelischer Kinder- und
Jugendarbeit und ihre Perspektiven aufzeigen zu können. Kinder-
und Jugendarbeit vollzieht sich in einer Spannung zwischen ihrem Auftrag
und den Bedürfnissen Jugendlicher, so die Autoren.
Seinen Fokus legt dieser Jugendbericht zum einen auf die zunehmende Armut,
die viele Kinder und Jugendliche in Deutschland betrifft, zum anderen
auf die zielgruppengemäße Auseinandersetzung mit Religion
und die Praxis von christlichem Glauben und Spiritualität. Beides
sind zentrale Herausforderungen für die evangelische Kinder- und
Jugendarbeit.
Als aktuelle Standortbestimmung der Evangelischen Jugend richtet sich
der Jugendbericht nicht nur an die EKD-Synode, sondern auch an Leserinnen
und Leser in der gesamten (evangelischen) Kinder- und Jugendarbeit als
Anregung zur Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen Arbeit.
Die Publikation Lebensträume Lebensräume. Bericht über
die Lage der jungen Generation und die evangelische Kinder- und Jugendarbeit
(213 S.) ist in der edition aej erschienen und kostet im Buchhandel 7,90
Euro.
2008-11
Religionsunterricht an deutschen
Schulen
im Ausland
Der Religionsunterricht ist an den weltweit 117 deutschen Auslandsschulen
ordentliches Unterrichtsfach. Eine gemeinsam vom Kirchenamt der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD) und dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz
herausgegebene Broschüre verdeutlicht den Stellenwert des Evangelischen
und Katholischen Religionsunterrichts in diesen Schulen.
Sie richtet sich an Schulleitungen und Kollegien, Eltern und die Verantwortlichen
in den katholischen und evangelischen deutschsprachigen Auslandsgemeinden,
aber auch an Interessierte in Botschaften, Ämtern und Kulturorganisationen.
Die Orientierungshilfe informiert auf knapp 30 Seiten über Aufgaben
und Ziele des konfessionellen Religionsunterrichts an den Auslandsschulen,
die besonderen Profile des Evangelischen und Katholischen Religionsunterrichts
und das Verhältnis dieser Fächer zum Ethikunterricht. Religiöse
Bildung ist gerade an den deutschen Auslandsschulen wichtig, denn Religion
ist in weiten Teilen der Welt prägender Bestandteil der Alltagskultur,
der sich auf Politik und Wirtschaft auswirkt. So erkennen viele Europäer
erst in der Begegnung und im Zusammenleben mit Menschen anderer Kulturen
und Religionen, wie stark die vermeintlich säkulare eigene Kultur
von christlichen Werten und Traditionen geprägt ist.
Die Broschüre enthält auch die organisatorischen Regelungen
zum Religions- und Ethikunterricht, die der Bund-Länder-Ausschuss
für schulische Arbeit im Ausland (BLASchA) für die deutschen
Auslandsschulen verbindlich beschlossen hat. Demnach soll in allen Schularten
und Jahrgangsstufen Evangelischer und Katholischer Religionsunterricht
angeboten werden. Um den Belangen kleinerer Schulen gerecht zu werden,
wird eine Mindestgruppengröße von acht Schülern festgelegt.
Kommt diese Zahl nicht zustande, wird Evangelischer oder Katholischer
Religionsunterricht eingerichtet, an dem Schüler beider Konfessionen,
aber auch konfessionslose Schüler teilnehmen können. Diese
organisatorischen Regelungen schaffen Rechtsklarheit und stärken
damit den Religionsunterricht an den einzelnen Schulen.
Die Broschüre steht zum Download bereit unter www.ekd.de/download/religionsunterricht_ausland.pdf .
2008-07
Stärke durch Vielfalt – Evangelischer
Religionsunterricht in seinen Kontexten
Stellungnahme der
Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erzieher in Deutschland e.V. (AEED)
1. Situation
2. Chancen
3. Schwierigkeiten
4. Folgerungen
1. Situation
Wir nehmen wahr, dass sich der evangelische Religionsunterricht in der
Schule innerhalb
der Bundesrepublik Deutschland sehr vielgestaltig entwickelt hat. In
den einzelnen
Bundesländern und Regionen, den unterschiedlichen landeskirchlichen
Traditionen und
gesellschaftlichen Konstellationen entsprechend finden wir beträchtliche
Unterschiede.
- im Blick auf die Personen, die RU unterrichten: In etlichen Bundesländern,
vorwiegend im Süden, decken Pfarrer/innen oder auch an kirchlichen
Fachhochschulen ausgebildete Religionspädagog/innen einen hohen
Anteil des
Unterrichts ab, in Norddeutschland ist dies eher selten,
- im Blick auf die Konzeptionen: Das Spektrum reicht vom Festhalten
an der
konfessionellen Positionierung des RU und konfessionellen Kooperationen
(in
verschiedenen Formen) bis hin zur programmatischen interreligiösen Öffnung
und
grundgesetzlich ermöglichten Sonderformen in einigen Bundesländern
wie dem
Bremer „Unterricht in Biblischer Geschichte auf allgemein christlicher
Grundlage“,
dem Berliner kirchlichen Religionsunterricht, dem Hamburger Modell
„
Religionsunterricht für alle“ und dem Brandenburger Unterrichtsfach
„
Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde“.
-
im Blick auf die leitenden didaktischen Muster: In einigen Bundesländern
orientiert sich der RU an curriculumtheoretisch angelegten Lehrplänen,
in anderen
nimmt er etwa in hohem Maße Anregungen der Symboldidaktik, in wieder
anderen
die Standarddiskussion auf. Die didaktischen Differenzen verstärken
sich um ein
Vielfaches durch die Akzente der einzelnen Lehrer/innen und Fachkonferenzen,
- im Blick auf die Schulformen: So wird der RU an den Berufsschulen
z.B. nach den
Grundsätzen der Berufsbezogenheit und der Lernfeldorientierung gestaltet,
an
allgemeinbildenden Schulen soll er auch der Persönlichkeitsentwicklung
dienen
und will ein integraler Bestandteil ihrer Bildung sein.
-
im Blick auf die inhaltlichen Schwerpunkte: Mancherorts wollen Lehrpläne
verbindlich den Erwerb eines umfassenden Grundwissens sichern, andernorts
sind weite Teile der Unterrichtsgestaltung für die Prägung
durch die Lehrkräfte
freigegeben.
-im Blick auf die religiösen Rahmenbedingungen: In einigen Regionen
wird die
multireligiöse Zusammensetzung der Schülerschaft als zentrale
Herausforderung
wahrgenommen, in anderen die Entkirchlichung oder die bereits tatsächliche
Kirchenferne bzw. Unerfahrenheit mit gelebtem Christentum. In manchen
Bundesländern bzw. Regionen ist der evangelische Religionsunterricht
Unterricht
für eine kleine Minderheit der Schüler/innen, in anderen
ist er der
Religionsunterricht für die Majorität. Mancherorts sind fast
alle teilnehmenden
Schülerinnen und Schüler evangelisch, andernorts stellen
andere Konfessionen
oder sogar Religionen einen großen Teil der Teilnehmenden am
RU. Mancherorts
steht dem ev. RU nur der katholische, anderswo steht ihm darüber
hinaus
Ethikunterricht, dazu orthodoxer, jüdischer, probeweise auch bereits
muslimischer
Religionsunterricht zur Seite,
-im Blick auf die schulischen und schulpolitischen Vorgaben: Nicht nur
die
Ungleichzeitigkeit und Verschiedenheit von Schulreformen lässt den
RU
verschiedene Gestalt gewinnen, sondern auch die Unterschiedlichkeit der
Schulverwaltungsmaßgaben (z.B. Stundentafeln), die unterschiedliche
politische
Wertschätzung und Pflege des Religionsunterrichts, auch die unterschiedliche
Aufmerksamkeit der Kirchen für „ihr“ Fach,
-im
Blick auf den „Stand“ des Faches
im Schulkollegium, in Schulleben und
Schulprofil. Mancherorts spielt der RU eine integrale Rolle, wird von
Kollegium
und Schulleitung geachtet und durch ein recht breites Spektrum von religiösem
Schulleben sowie durch eine lebendige Nachbarschaft von Schule und Gemeinde
gestützt; andernorts fehlt es an all diesen Facetten: RU wird marginal.
2. Chancen
Wir bejahen eine Vielfalt. Sie ist auf der
Grundlage von Artikel 7.3 GG möglich und
entspricht dem föderalen Prinzip der Schulpolitik, sie entspricht
der geschichtlich
gewachsenen Vielgestaltigkeit der evangelischen Kirchen in Deutschland
und ist
Ausdruck der Freiheit, zu der christlicher Glaube nach protestantischer
Lesart befreit.
Pluralismus ist kein „Betriebsunfall“, sondern ein positives,
anregendes Phänomen.
Näherhin begrüßen wir diese Vielfalt aus folgenden religionspädagogischen
Gründen:
RU ist „ein freier Dienst an einer freien Schule“ (EKD-Synode
in Berlin-Weißensee 1958);
er darf und soll sich im Einklang mit den theologischen Überzeugungen
der
Verantwortlichen und den pädagogischen Herausforderungen verändern.
Die didaktische
Verantwortung der Religionslehrenden, die bildungspolitische Perspektive
derer, die hier
aus evangelischem Glauben engagiert sind, lassen verschiedene Antworten
auf
dieselben Herausforderungen zu. Nicht zuletzt: Religionsunterricht, der
sich am Schüler
bzw. an der Schülerin orientiert, ist notwendigerweise kontextuell
und vielgestaltig.
Optionen, die menschen- und sachgerecht sind, sollen und dürfen
realisiert werden; das
Ausloten verschiedener Wege birgt ein hohes Anregungspotential für
Religionslehrer/innen und Religionspädagog/innen. Einheitlichkeit
an sich ist weder eine
pädagogische noch eine theologische Notwendigkeit.
3. Schwierigkeiten
Unbeschadet dessen beobachten wir auch Schwierigkeiten – Schwierigkeiten
theologischer und pädagogischer Qualität – , die sich
aus dieser Vielfalt ergeben:
-Vielfalt auch in inhaltlichen Grundfragen kann Bildungs-Gerechtigkeit
und
Identifizierbarkeit des Faches gefährden.
In einer mobilen Gesellschaft sollte das Fach Evangelischer RU für
Schülerinnen
und Schüler unterschiedlicher (geografischer) Herkunft wiedererkennbar
sein,
vergleichbare Lernchancen eröffnen und auch verlässlich bestimmte
Kompetenzen vermitteln.
-Vielfalt, die nicht in Anliegen und Sache
des RU begründet liegt,
kann anzeigen,
dass dieses Fach in den Dienst politischer oder ökonomischer Interessen
genommen werden soll bzw. wird.
Religionsunterricht sollte seiner Sache gemäß und den Menschen
gemäß sein,
die ihn erleben, nicht Spielball fach- und sachfremder Ziel- und Zwecksetzungen
werden.
-Vielfalt im organisatorischen und konzeptionellen Bereich kann die
Anerkennung
des RU als ordentliches Unterrichtsfach in Frage stellen.
Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach braucht auch geordnete
Rahmenbedingungen, die einerseits keinen Zweifel an seinem Stellenwert
im
Bildungsprogramm lassen, andererseits das Recht zur Abmeldung vom
Religionsunterricht (aus Gewissensgründen) wahren.
Vielfalt in der Begründung und Ausrichtung des RU kann das Profil
des Faches
verunklaren, das in Deutschland gewachsen ist. Zu diesem Profil gehört
z.B. die
Mitverantwortung der Kirchen, die Verbindung zu gelebter und praktizierter
Religion und der Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften.
In einem politisch geeinten Europa, das sehr verschiedene Formen von
Religionsunterricht, aber auch den Verzicht auf Religionsunterricht
in der Schule
kennt, wird ein solches Profil des evangelischen Religionsunterrichts
in
Deutschland nicht entbehrlich sein.
4. Folgerungen
Angesichts der Schwierigkeiten, die durch diese Vielfalt bedingt sind,
fordern wir
-eine repräsentative empirische Untersuchung
von (ev.) RU, um dessen
Leistungen und Grenzen realistischer abbilden zu können,
-eine religionspädagogische Forschung
und Lehre, die regionale Differenzen
empirisch wahrnimmt, bewusst macht und konzeptionell bedenkt,
-eine Aus-, Fort- und Weiterbildung von Religionslehrer/innen über
die Grenzen
von Landeskirchen und Bundesländern hinweg, damit Kolleginnen und
Kollegen
das Anregungspotential der Vielfalt erfahren können,
-die Orientierung an bundesweit gemeinsamen Standards und die Pflege
bzw.
Entwicklung eines gemeinsamen Bestandes von Themen in allen Lehrplänen
(im
Sinne des sog. Kerncurriculums der EKD)i. Wir bitten Lehrplankommissionen
und
kirchliche Schulabteilungen verstärkt auf den Erhalt bzw. den
Ausbau solcher
Gemeinsamkeiten zu achten,
-ein konstruktiv-kooperatives Verhältnis
eines profiliert evangelischen
Religionsunterrichts vor allem zum katholischen und jüdischen
RU, aber auch z.B.
zum islamischen Religionsunterricht,
-das entschiedene Festhalten an Art 7.3 GG
und eine Stärkung von
Angeboten
religiösen Schullebens, die diesen Religionsunterricht mit gelebter
Religion“
rückkoppeln und seinen Stellenwert im Schulprogramm unterstreichen.
Kurz: Wir wünschen uns, dass Religionslehrer/innen und Religionspädagog/innen
wie
schon seit längerem im Verhältnis zu anderen Konfessionen und
religiösen bzw.
weltanschaulichen Orientierungen so nun auch innerhalb des Protestantismus
verstärkt
nach „Identität und Verständigung“ suchen. Evangelischer
Religionsunterricht braucht
angesichts seiner Vielfalt die Verständigung zwischen Lehrer/innen
und
Religionspädagog/innen über unterschiedliche Traditionen und
Akzente, er braucht das
Bemühen um ein als evangelisch identifizierbares Profil.
Verfasst von der Kommission für Fragen des Religionsunterrichts,
Münster 30.05.06
Mitglieder:
Thomas Gießen (Sprecher)
Thomas Niederberger
Dörte Nowitzki
Dr. Gudrun Philipp
Prof. Dr. Bernd Schröder
Martina Schlosser
Knut Thielsen
Petra David (Geschäftsführende Referentin)
AEED Geschäftsstelle – Schreiberstraße 12 - D-48149
Münster
Tel. 0251 98101 35 - Fax 0251 98101 50
E-Mail aeed@comenius.de – www.aeed.de
1) Kirchenamt der EKD (Hg.) Identität und Verständigung. Standort
und Perspektiven des Religionsunterrichts in der
Pluralität. Eine Denkschrift der EKD, Güterloh 1994, hier 18
f.
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